DIE GESCHICHTE DES QUARTIERS
von Prof. Dr. Paul Sauer

Bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts bestand Stuttgart aus drei deutlich voneinander geschiedenen Stadtbezirken oder Stadtteilen: Der sogenannten Inneren Stadt, der ursprünglichen oder eigenen Stadt, dem Siedlungsoval zwischen dem Großen Graben, der späteren oberen Königstraße, und der Eberhardstraße sowie dem Alten Schloss, und zwei im 14. und 15. Jahrhundert entstandenen Vorstädten, der sogenannten Esslinger oder St.-Leonhards-Vorstadt, die ihr Zentrum in der St.-Leonhardskirche hatte, und der Oberen Vorstadt mit dem Mittelpunkt Hospitalkirche.

Die Vorstadt rings um die Hospitalkirche hieß zunächst die „Turnierackervorstadt“. Auf dem Areal, auf dem sie erbaut wurde, hatten die Grafen von Württemberg einen 1451 erstmals urkundlich nachweisbaren Turnierplatz für Ritterspiele angelegt. Möglicherweise wurde dieser Platz bereits 1445 bei der Hochzeit Graf Ulrichs V., des Vielgeliebten, mit Elisabeth, der Tochter des Herzogs Heinrich von Bayern-Landshut, benützt. Da der Turnieracker durch drei im 14./15. Jahrhundert geschaffene künstliche Seen im Bereich der heutigen Schloss-, Silberburg-, Rosenberg-, Kriegsberg- und Keplerstraße gegen feindliche Angriffe geschützt war, eignete er sich für eine Überbauung. Stuttgart, die aufstrebende Haupt- und Residenzstadt der württembergischen Grafen, suchte um 1450 nach Ausdehnungsmöglichkeiten. Es konnte seine wachsende Bevölkerung nicht mehr in den engen, durch Mauern umschlossenen Bezirken von Innerer Stadt und St.-Leonhards-Vorstadt unterbringen. Die Besiedelung des Turnierackers, der der Landesherr offenbar bereitwillig zustimmte, war Gericht und Rat der Stadt daher höchst willkommen.
Die neue Vorstadt entwickelte sich rasch. In der um 1470 am Rande des eigentlichen Turnierackers errichteten Marienkapelle erhielt sie ihr geistliches Zentrum. Kein Wunder, wenn die Vorstadt bald auch unter dem Namen „Unserer lieben Frauen Vorstadt“ firmierte. Im 17./18. Jahrhundert gesellte sich dann ein dritter Name hinzu: die Reiche Vorstadt.

Seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts war die Turnierackervorstadt von einem weit ausgedehnten Befestigungssystem versehen.
Starke Mauern und mehrere Tore, darunter das repräsentative Büchsentor, umschlossen das neue Quartier. Dieses schloss auch umfangreiche unüberbaute Flächen, meist Gartenland, ein. Im Gegensatz zu der dicht besiedelten, verwinkelten Innenstadt und auch zur St.-Leonhards-Vorstadt, in der vor allem Handwerker und wenig begüterte Weingärtner ansässig waren, verfügte der weithin planmäßig, schachbrettartig angelegte Stadtbezirk nördlich des Großen Grabens über eine gesunde Lage mit großzügig bemessenen Bauplätzen einschließlich Gartengrundstücken. Er übte deshalb auf wohlhabende Bürger eine starke Anziehungskraft aus.

Hier gab es bereits in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, wie Chronisten berichten, „die schönsten Häuser und die lustigsten Straßen“ Stuttgarts. Auch hatte damals schon der „Turnieracker“ seinem Steueraufkommen nach die Esslinger Vorstadt und selbst die Innere Stadt überflügelt. Später ließ er hinsichtlich der Einkommens- und Vermögensverhältnisse der Bewohner die beiden anderen Stadtbezirke noch erheblich weiter hinter sich.

Deshalb führte er die Bezeichnung „Reiche Vorstadt“ durchaus zu Recht.
Von 1442 bis 1482 war die Grafschaft Württemberg geteilt. In Stuttgart, der Hauptstadt der nördlichen und östlichen Hälfte der Grafschaft, regierte Graf Ulrich V., der wegen seiner leutseligen, frohgemuten Sinnesart „der Vielgeliebte“ genannt wurde. Ulrich besaß in der Politik keine glückliche Hand. Er ließ sich wiederholt in unüberlegte militärische Abenteuer ein, die ihm und seinem Land sehr schadeten.

Doch war er ein frommer Herr, ein Mäzen von Kunst und Wissenschaft.
Ihm verdankt Stuttgart seine einzige klösterliche Niederlassung. Auf dem Turnieracker ließ er an der Stelle der bereits erwähnten kleinen Kapelle durch Aberlin Jörg, den Erbauer der spätgotischen Stifts- und St.-Leonhards-Kirche in Stuttgart und zahlreicher anderer Kirchen im Land eine „Unserer lieben Frauen und dem heiligen Ulrich“ gewidmete Kirche errichten. Am 13. Juli 1471, dem Namenstag seiner Frau, dem St.-Margareten-Tag, wurde der Grundstein zu dem Gotteshaus gelegt, zwei Jahre später hatte Aberlin Jörg den herrlichen Chor der Kirche fertiggestellt.

Jetzt fügte der Graf ein größeres Areal dem im Bau befindlichen Gotteshaus zur Erstellung eines Konventsgebäudes an, und er bestimmte die Kirche zum geistlichen Mittelpunkt des von ihm gestifteten Dominikanerklosters. Auf die Bitte Ulrichs entsandte der Prior des Nürnberger Dominikanerklosters, Peter Kirschschlag, der mit seinem Konvent der ausgeprägt reformerischen Richtung seines Ordens angehörte, zwölf Brüder nach Stuttgart, um hier eine neue klösterliche Gemeinschaft zu begründen.
Mit der Einführung der Reformation durch Herzog Ulrich 1534/35 nach Rückkehr aus 15-jährigem, selbstverschuldetem Exil endete die 60-jährige Geschichte des Klosters. 1536 wurde es aufgehoben. Zwei der bisherigen Klosterbrüder traten in den Dienst der evangelischen Kirche. Die anderen fünf oder sechs am alten Glauben festhaltenden Mönche durften noch bis 1540 im Konventsgebäude bleiben. Das Kloster übergab Herzog Ulrich der Stadt, die in ihm ihr Spital unterbrachte.
Die Klosterkirche, nunmehr die Hospitalkirche, wurde evangelisches Gotteshaus. Als erster evangelischer Geistlicher wirkte an ihr der Reformator Erhard Schnepf.

Im Kreuzgang des ehemaligen Dominikanerklosters war bis zur Zerstörung im Zweiten Weltkrieg das Städtische Lapidarium untergebracht. Neu aufgebaut vor allem durch Gustav Wais und Wilhelm Speidel wurde es 1950 im Ostertag-Siegle’schen Garten (Mörikestraße 24).

1742 erhielt die Hospitalkirche den seit langem von der Bürgerschaft auf dem Turnieracker schmerzlich entbehrten Turm.
Wie die der Stifts- und die St.-Leonhards-Kirche als Gemeindeglieder zugewiesenen Stuttgarter, hielt es auch sie für selbstverständlich, dass sie Kirchenglocken zu den Gottesdiensten riefen und dass diese beispielsweise auch bei Leichenbegängnissen mit ihrem Geläut den feierlichen Rahmen gaben.

Eine zweite Kirche ließ Herzog Carl Eugen durch den Architekten Reinhard Ferdinand Heinrich Fischer an der Ecke Hospital-/Kanzlei-(Willi-Bleicher-)Straße im Jahr 1777 erbauen:
Die alte Garnisonskirche. Sie wurde durch die Umgestaltung einer ehemaligen Herrschaftsscheune des Bauhofs geschaffen. Wiederholt zweckentfremdet, zuletzt ab 1879 zusammen mit dem benachbarten Hofwaschhaus als Futtermagazin für das Ulanenregiment, musste sie 1889 dem Bau des Landesgewerbemuseums weichen. An ihre Stelle trat die zwischen 1875 und 1879 durch Conrad Dollinger im neuromanischen Stil nach dem Vorbild des Speyrer Doms erbaute Neue Garnisonskirche, Lindenstraße (heute Kienestraße) 49 am Gewerbehalle-Platz; 1943 brannte die Kirche aus, die Ruine wurde später abgetragen.

Heute weist lediglich noch die Büchsenstraße auf dieses Kapitel Stadtgeschichte hin. Vor dem alten Büchsentor befand sich schon zu Beginn des 16. Jahrhunderts das Büchsenhaus (das Schützenhaus). Hier übten sich die damals allgemein zum Waffendienst verpflichteten Stuttgarter Bürger im Schießen. Hier besaß auch der älteste Stuttgarter Verein, die 1500 gegründete und noch heute bestehende Schützengilde, ihre erste Schießstätte. 1716 wurde neben dem Büchsentor, aber innerhalb der Stadtmauer ein neues Schießhaus errichtet. Doch schon 1750 ließ Herzog Carl Eugen in diesem Gebäude eine Husarenkaserne einrichten und in Hufeisenform entlang der Kasernenstraße Stallungen für 150 Pferde aufführen.
Weithin in Vergessenheit geraten ist, dass mit der Reichen Vorstadt bzw. dem Hospitalviertel die Entstehung der freiheitlich-demokratischen Staats- und Gesellschaftsordnung in Württemberg aufs Engste verbunden ist. Von der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts bis zur Machtusurpation des totalitären NS-Regimes im Jahr 1933 hatten in der Kronprinzstraße, zuvor Landschaftsgasse, die parlamentarischen Gremien des Herzogtums, des Königreichs und des demokratischen Volksstaats ihren Sitz.

Noch heute lebendig ist die zumindest bis ins 16. Jahrhundert zurückreichende große Schultradition des Hospitalviertels.
Herzog-Administrator Friedrich Karl von Württemberg, der Großvater Herzog Carl Eugens, ließ in der Gymnasiumstraße 3/5, Ecke Kronprinzstraße 1685/86 für die von ihm als „Gymnasium illustre“ bezeichnete Schule einen beeindruckenden Neubau aufführen. Im Mai 1886 wurde eine unter der Leitung der Sießener Franziskanerinnen stehende Katholische Töchterschule errichtet, die im Verlauf eines Jahrzehnts zur Höheren Töchterschule aufstieg, dem heutigen Mädchengymnasium St.-Agnes. Ab 1891 stand der Schule in der Gymnasiumstraße 47 ein eigenes Haus zur Verfügung.
Ein Teil der Schulen verließ bereits vor dem Ersten Weltkrieg das Viertel, weil die stetig anwachsenden Schülerzahlen nicht mehr in den beengten bisherigen Schulgebäuden unterzubringen waren und hier der Platz für Neubauten nicht zur Verfügung stand. Andere Schulgebäude fielen dem Bombenkrieg in den Jahren 1943 und 1944 zum Opfer. Heute befindet sich von den renommierten Schulen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts lediglich noch das St.-Agnes-Gymnasium hier.
1894 bezog das Bürgerhospital genannte Spital in der Tunzhofener Straße einen Neubau. Das seitherige Spitalgebäude, das in den Jahren 1839 bis 1844 baulich erneuert und vergrößert worden war und teilweise einen dritten Stock erhalten hatte, wurde vom Stadtpolizeiamt übernommen.

Bis Anfang des 19. Jahrhunderts war Stuttgart eine rein evangelische Stadt. Die wenigen Katholiken und Juden, denen auf Geheiß des Landesherrn die Niederlassung zugestanden werden musste, besaßen im Allgemeinen keine bürgerlichen Rechte. Dies änderte sich mit dem Aufstieg Württembergs zum Kurfürstentum 1803 und zum Königreich 1806. Jetzt erhielten die Katholiken die vollen Bürgerrechte. Ihr kirchliches Zentrum wurde St.-Eberhard in der unteren Königstraße. Harten Widerstand hingegen begegnete die Emanzipation der Juden. Das Untertanenrecht wurde ihnen schließlich 1828 zugestanden, die uneingeschränkte staatsbürgerliche Gleichberechtigung erst nach und nach in den folgenden vier Jahrzehnten.

1837 konnte die Israelitische Gemeinde mit finanzieller Unterstützung der früheren Hoffaktorenfamilien Kaulla und Pfeiffer einen Betsaal in der Langen Straße 16 einrichten. Damit rückte das Hospitalviertel in den Mittelpunkt des religiösen und kulturellen Lebens der Stuttgarter Juden. Und dies war erst recht der Fall, nachdem die Gemeinde 1856 in der Hospitalstraße 36 einen Bauplatz erworben und auf ihm unter beträchtlichen finanziellen Opfern ein repräsentatives Gotteshaus in maurischem Stil errichtet hatte. Die feierliche Einweihung der Synagoge empfand die Stuttgarter Bürgerschaft als ein bedeutendes Ereignis.

Das 50jährige Synagogenjubiläum im Jahr 1911 vereinte Juden und Christen. Die Bewohner des Hospitalviertels pflegten damals – von wenigen Ausnahmen abgesehen – ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis zueinander. Religiöse Gegensätze und erst recht antisemitische Vorurteile belasteten das Zusammenleben kaum.

Das Hospitalviertel war vom ausgehenden 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert ein Zentrum geselligen und kulturellen Lebens. Eine herausragende Stellung nahm hier die 1807 gegründete Museumsgesellschaft, auch „Oberes Museum“ genannt, ein.

Der vom Adel und vom gehobenen Bürgertum getragenen Gesellschaft gehörten zahlreiche bedeutende Persönlichkeiten an: Diplomaten, Politiker, Minister, Architekten, Generale, Schriftsteller, Wissenschaftler, Künstler usw. Das Veranstaltungsprogramm war reichhaltig und anspruchsvoll: u. a. Vorträge, Gesellschaftsabende, Konzerte, Bälle.
Ähnliche Ziele wie die Museumsgesellschaft verfolgte die 1832 ins Leben gerufene „Bürgergesellschaft“, auch unter dem Namen „Bürgermuseum“ bekannt. In ihr gaben Angehörige der bürgerlichen Mittelschicht, Handwerker und Gewerbetreibende, den Ton an. Ihre gesellschaftlichen und kulturellen Aktivitäten waren bescheidener, ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten beschränkter als die der Museumsgesellschaft. Sie hielt zunächst ihre Veranstaltungen in gemieteten Räumen ab.
Ein Treffpunkt für Künstler und Literaten während mehr als drei Jahrzehnten war das Haus von Eberhard Friedrich Georgii (1757 – 1830). Büchsenstraße 50. Georgii, von 1779 bis 1781 Professor an der Militärakademie, der nachmaligen Hohen Carlsschule, erhielt wegen seines mannhaften Protests gegen die Aufhebung der altwürttembergischen Verfassung Ende 1805 den Ehrentitel „der letzte Württemberger“. Im Garten hinter seinem Haus traf sich während des Sommers ein gutes Dutzend Honoratioren zur wöchentlichen Kegelpartie. Zu dieser Gesellschaft gehörten der Bildhauer Johann Heinrich Dannecker, der Kunstmäzen Georg Heinrich Rapp sowie der Epigrammatiker Friedrich Haug.

Hof- und Domänenrat Johann Georg Hartmann (1731 – 1811) und sein Sohn Georg August Hartmann (1764 – 1849), Professor der Kameralwissenschaft an der Hohen Carlsschule, später unter König Wilhelm I. Wirklicher Geheimer Rat, öffneten ihr Haus auf dem Bollwerk an der Kreuzung Kasernen- und Gartenstraße (Leuschner- und Fritz-Elsas-Straße) in großzügiger Gastfreundschaft Dichtern, Künstlern, Philosophen und Staatsmännern.

Ein architektonisches Schmuckstück sollte das zwischen 1889 und 1896 erbaute Landesgewerbemuseum werden.

Skjöld Neckelmann entwarf es iin eigenwilligem übersteigertem italienischen Renaissancestil; das heutige Haus der Wirtschaft wurde auf dem Areal der einstigen Gardekaserne und insbesondere der alten Garnisonskirche zwischen Schloss-, Linden-, Hospital- und Kanzleistraße (Schloss-, Kiene-, Hospital- und Willi-Bleicher-Straße) erstellt.

Bis hinein in die zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts änderte sich an der städtebaulichen Struktur des Hospitalviertels trotz verlorenem Ersten Weltkrieg und Inflation wenig.
Stattliche Bürgerhäuser, die zum Teil noch bis ins 17./18. Jahrhundert zurückreichten, kleinere Geschäfte und Handwerksbetriebe, lagen mit städtischen und staatlichen Bauten, mit Hospitalkirche, Synagoge, Vereinsheimen im Gemenge. Es war ein organisch gewachsener Stadtbezirk, Heimat für tausende von Menschen.

Dass die NS-Machtübernahme eine schreckliche Katastrophe für Deutschland und die ganze zivilisierte Welt bedeutete, war zunächst nur einer kleinen Minderheit bewusst.
Das Verderben kam schleichend, zunächst noch kaschiert, steigerte sich dann aber zunehmend. Recht und Gerechtigkeit galten nichts mehr, die Menschenwürde wurde in den Schmutz gezerrt. Der Hass der neuen Herren richtete sich gegen ihre politischen Gegner, Kommunisten, Sozialdemokraten, bald auch gegen liberale Demokraten, gegen das katholische Zentrum, gegen die christlichen Kirchen, soweit diese sich der ideologischen Gleichschaltung, d. h. einer Verfälschung des christlichen Glaubens und der christlichen Lehre im NS-Sinne widersetzten, ganz besonders aber gegen die „rassisch“ angeblich minderwertigeren Juden, gegen Sinti und Roma.

Das Polizeigefängnis in der Büchsenstraße, die „Büchsenschmiere“, wurde zu einem Ort grausamer Quälereien. Hunderte von politischen und ideologischen Gegnern des Regime wurden dort inhaftiert. Im Herbst 1938 trieb man hier die in Stuttgart und Umgebung lebenden Juden polnischer Staatsangehörigkeit zusammen, um sie anschließend nach Polen abzuschieben.

Gleiches geschah dann im Krieg mit den Sinti und Roma vor ihrer Deportation in Konzentrations- und Vernichtungslager im Osten.
Im Frühjahr 1945 hinterließ das verbrecherische Hitler-Regime ein Meer von Blut und Tränen. Not und Elend überall. Der Wiederaufbau gestaltete sich äußerst mühsam. Erst nach der Währungsreform im Juni 1948 erstarkten die wirtschaftlichen Auftriebskräfte. Das Hospitalviertel entstand neu. Die einstige Wohnstadt wandelte sich zu einem Büro- und Geschäftszentrum, durch das die Theodor-Heuss-Straße, die frühere Rote Straße, als eine der Hauptverkehrsachsen der Innenstadt eine breite, schmerzende Schneise schlug.
Banken, Versicherungen, Kaufhäuser, Niederlassungen von Wirtschaftsverbänden und Großfirmen, Hotels, Behördenbauten, darunter das baden-württembergische Wirtschaftsministerium, bestimmen heute das Bild des Viertels; es bildet einen Teil der Stuttgarter City.

Die Zahl der im Bereich der einstigen Reichen Vorstadt lebenden Menschen schrumpfte, bereits 1960 auf ein Viertel des Vorkriegsstandes, und sie ging in der Folgezeit noch weiter zurück. Lange war der Wiederaufbau der Hospitalkirche strittig, waren doch von dem Gotteshaus außer dem Turmstumpf lediglich die Wände des spätgotischen Chors und die Südmauer des Kirchenschiffs erhalten geblieben. Glücklicherweise setzten sich schließlich die Befürworter eines Wiederaufbaus, an ihrer Spitze Prof. Dr. Gustav Wais und Fabrikant Dr. Paul Lechler, durch.

Indes begnügte man sich mit einer verkleinerten Kirche.
Neu gebaut wurde unter Verwendung und Erweiterung des Chors ein Gotteshaus mit 630 Sitzplätzen; die alte Hospitalkirche hatte 1710 Sitz- und 800 Stehplätze gehabt. Am 21. Februar 1960 konnte die nach den Plänen von Professor Rudolf Lempp neu geschaffene Hospitalkirche eingeweiht werden. Ein Jahr später, am 25. Februar 1961, wurde der von Dipl.-Ing. Arch. Wolf Irion erbaute Hospitalhof seiner Bestimmung übergeben. Der Hospitalhof, ein modernes Verwaltungs- und Begegnungszentrum, entwickelte sich dank des vorbildlichen Engagements der hier tätigen Frauen und Männer zu einem weit ausstrahlenden kirchlich-gesellschaftlich-kulturellen Mittelpunkt.
Dass Überlebende der Shoa, des Holocaust, im Jahr 1952 auf dem Areal der 16 Jahre zuvor zerstörten Synagoge, Hospitalstraße 36, ein neues Gotteshaus errichten konnten und dass dieses Synagoge zum Mittelpunkt der neuen Israelitischen Gemeinde wurde, bot die Möglichkeit, über den Abgrund irrsinniger, unmenschlicher Gewalt eine Brücke zu schlagen, d. h. einen Neuanfang des menschlichen Miteinander von Christen und Juden zu machen, und dafür sind wir dankbar. Die Fünfzig-Jahr-Feier der neuen Synagoge im Frühsommer 2002 bedeutete daher ein Fest für das Hospitalviertel, ja für die ganze Stadt Stuttgart.



(Der Text ist auszugsweise dem von Prof. Dr. Paul Sauer, Leitender Stadtarchivdirektor i. R. in der Hospitalkirche am 18. Juli 2003 anlässlich des Stadtteilfests im Hospitalviertel vorgetragenen Aufsatz "Die Bedeutung des Hospitalviertels für Stuttgarts Geschichte, Gegenwart und Zukunft" entnommen.