Als der innere Stadtbezirk Stuttgarts als Wohngebiet nicht mehr ausreichte, wurde Mitte des 15. Jahrhunderts der nördlich der Stadtbefestigung gelegene gräfliche Turnierplatz für eine Bebauung freigegeben.

Geistiges Zentrum war die spätgotische Kirche, deren Chor noch heute als Hospitalkirche erhalten ist. Ihr war ein Dominikanerkloster angeschlossen, das nach Einzug der Reformation in Württemberg als Hospital genutzt wurde. Es war der Grundstein der zahlreichen sozialen und kulturellen Einrichtungen, die heute das Hospitalviertel prägen. Ebenfalls noch heute lebendig ist die bis ins 16. Jahrhundert zurückreichende große Schultradition der Vorstadt. In dem neuen Quartier mit seiner starken Befestigung, repräsentativen Toren und einer großzügigen Bebauung ließen sich vor allem wohlhabende Bürger nieder.

Das im 18. und 19. Jahrhundert in den Salons gepflegte Veranstaltungsprogramm war reichhaltig und anspruchsvoll. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts rückte mit einer Synagoge das Hospitalviertel auch in den Mittelpunkt des religiösen und kulturellen Lebens der Stuttgarter Jüdischen Gemeinschaft.

Im 20. Jahrhundert war in das Hospital das Stadtpolizeiamt eingezogen. Sein Polizeigefängnis wurde in der NS-Zeit für zahlreiche Juden, Sinti und Roma die letzte Station vor der Deportation und den Vernichtungslagern. Die Synagoge wurde von den Nationalsozialisten in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 niedergebrannt und alliierte Bomber legten die reiche Vorstadt im Zweiten Weltkrieg in Schutt und Asche.

Das mittelalterliche Stuttgart war der Bereich, der umgrenzt war von der heutigen oberen Königstraße, der Eberhardstraße und dem Alten Schloss mit seinen Gärten. An die alte Stadtbefestigung der inneren Stadt erinnert noch heute der Durchgang von der nordöstlichen Ecke des Schillerplatzes zum Schlossplatz, das frühere Tunzhofer Tor.

Im Laufe des 14. Jahrhunderts ließen sich zunehmend mehr Menschen südlich der alten Stadtbefestigung nieder, es waren vor allem Handwerker und Weinbauern. Die erste Stuttgarter Vorstadt entstand, die Leonhardsvorstadt, auch Esslinger Vorstadt genannt, mit einer dem heiligen Leonard geweihten Kapelle. 

Da die Bevölkerung weiter wuchs, reichte dieser Besiedlungsraum schon bald nicht mehr aus.  Ab der Mitte des 15. Jahrhunderts wurde der Bereich nördlich der König-straße bebaut, eine zweite Vorstadt, die im Laufe der Jahrhunderte viele Namen bekam: Unserer-Lieben-Frau-Vorstadt wegen einer hier früher errichteten Marienkapelle, Obere Vorstadt wegen ihrer höheren Lage im Vergleich zu den tiefer gelegenen Stadtteilen, Turnierackervorstadt wegen der ursprünglichen Nutzung des Gebiets als gräflicher Turnierplatz, Turiner Vorstadt wegen der schachbrettartigen Art der Bebauung, für die wohl die norditalienische Stadt Turin Vorbild war, und Reiche Vorstadt wegen ihrer eher wohlhabenden Bewohner. Heute heißt das Quartier Hospitalviertel, das aber deutlich kleiner ist als die ursprüngliche Obere Vorstadt, da nach dem Zweiten Weltkrieg durch den Bau der stadtautobahnähnlichen Theodor-Heuss-Straße der Bereich der Calwer- und der Kronprinzstraße und ihrer Querstraßen vom Viertel abgetrennt wurden. 

Im Zuge der Bebauung wurde die Obere Vorstadt gegen Eindringlinge nach außen befestigt, nicht nur weil es zum Selbstverständnis der Bürger_innen gehörte, dass ihre Stadt burgartig ummauert wurde, sondern auch weil es wohl tatsächlich erforderlich war – ein Gewann westlich der Viertels jenseits dieser Umfassung hatte den vielsagenden Namen Sieh dich für. 

Zunächst entstanden wohl nur zum Teil Mauern, Türme und Tore, im Übrigen Palisaden. Vom heutigen Rotebühlplatz verlief die Befestigung ungefähr über den Bereich von Herzog- und Weimarstraße bis zur Einmündung der Hohestraße. Dort befand sich der Turm, der am weitesten von dem alten Stadtkern entfernt war und deshalb am gefahrlosesten zur Lagerung von Munition und Waffen geeignet war, der Pulverturm. 

Von da aus verlief die Befestigung bis zur Kreuzung von Leuschner- und Fritz-Elsass-Straße zum Oberen-See-Tor. Nordwestlich der neuen Vorstadt war der Vogelsangbach zu drei Seen angestaut, der obere im Bereich zwischen Silberburg- und Seidenstraße, der mittlere zwischen Seiden- und Büchsen-/Holzgartenstraße, also im Bereich der heutigen Liederhalle, sowie der untere und größte See dort, wo sich die Gebäude der Universität, der Hochschule für Technik und der Stadtgarten befinden. 

Vom Oberen-See-Tor lief die Befestigung bis zur Büchsenstraße, wo sich ungefähr auf Höhe der heutigen Liederhalle das Büchsentor erhob. Straße und Tor verdanken ihren Namen dem Umstand, dass sich dort zwischen Stadtbefestigung und Mittlerem See ein Schützenhaus und Schießstände befanden. Weitere Türme, die den Verlauf der Stadtmauer markieren, befanden sich an der Ecke Breitscheid-/Kienestraße, im Bereich des Hauses der Wirtschaft und an der Ecke Schloss-/Friedrichstraße. Die vollständige Ummauerung war erst 1567 abgeschlossen.

Bemerkenswert an der Oberen Vorstadt war der schachbrettartige Grundriss des Viertels, der sich deutlich von den im Mittelalter gewachsenen und verwinkelten, zum Teil recht engen Gassen der Altstadt abhob. Er entsprach dem Zeitgeschmack der Renaissance, galt als sehr modern und fand im ausgehenden 19. Jahrhundert seine Fortsetzung im großbürgerlichen Stuttgarter Westen. Zudem war die Planung so großzügig, dass nach dem Bau der Häuser im Innenraum der jeweiligen Karees reichlich Platz für Gärten blieb. Westlich der Fritz-Elsass-Straße gab es keine Bebauung, aber ebenfalls viele Gärten. Die Straße hieß deshalb auch bis in die Mitte des 20. Jahrhundert Gartenstraße. Es war ein recht grünes Viertel.

Johann Wolfgang von Goethe notierte nach einem Besuch der Stadt: „Stuttgart hat eigentlich 3 Regionen und Charaktere; unten sieht es einer Landstadt, in der Mitte einer Handelsstadt und oben einer Hof- und wohlhabenden Partikülierstadt ähnlich“.

Nachdem Herzog Carl Eugen im 18. Jahrhundert die vorübergehend nach Ludwigsburg verlagerte Residenz nach Stuttgart zurückbringen, aber im Alten Schloss nicht residieren wollte, da es seinen Ansprüchen in keinerlei Hinsicht mehr genügte, gab es Pläne, ein neues Schloss am Bollwerk westlich der Gartenstraße zu erbauen. Der höchste Bereich der Stadt wäre einem absolutistischen Fürsten recht gewesen. Allein der Umstand, dass der Kauf der vielen Gärten dort, die im Privatbesitz waren, die Baukosten hätten sehr in die Höhe schießen lassen, brachten die Pläne zu Fall. So wurde das Neue Schloss erbaut, wo es heute steht. Grund und Boden dort gehörten dem Herzog bereits. Am Bollwerk residiert jetzt in ihrem Glaspalast die LBBW.

Von den Häusern der Reichen Vorstadt ist kaum noch etwas erhalten. Es gab dort Fachwerkhäuser und zahlreiche prächtige Renaissance- und Barockgebäude, aber auch Häuser aus der Epoche der Gründerzeit, die fast alle den Bomben des Zweiten Weltkriegs zum Opfer gefallen sind. Nur in der oberen Calwerstraße finden sich noch Fassaden, die einen Eindruck vom Aussehen des Hospitalviertels vor dem Krieg erahnen lassen.

Beim Wiederaufbau verwandelte sich die einstige Wohnstadt in ein Büro- und Geschäftszentrum. Die autobahnähnliche Theodor-Heuss-Straße zog eine Schneise durch das Quartier und schnitt die Calwer- und die Kronprinzstraße vom Hospitalviertel ab. Die zum Teil gesichtslose Bebauung der Nachkriegsjahre prägte das Viertel. Abgesehen von wenigen Gebäuden wie etwa dem Chor der Hospitalkirche erinnerte allenfalls die schachbrettartig erhaltene Gliederung der Straßen an die einstige reiche Vorstadt.

Erst spät erkannte man die Bedeutung dieses geschichtsträchtigen und lebenswerten Viertels, das eine wichtige Verbindung der Innenstadt zu Liederhalle, dem Boschareal und der Universität ist. Es entstanden mit der Umgestaltung der Hospitalkirche und dem Neubau des Hospitalhofs städtebauliche Glanzlichter. Attraktive Fußgängerbereiche mit Restaurants und Straßencafés laden heute zum Verweilen ein und Büroflächen werden in begehrte Wohnungen umgewandelt.

Der Wandel ist nicht abgeschlossen, sondern ein kontinuierlicher Prozess des Entstehens und Wachsens, an dem wir uns immer wieder gerne beteiligen.