Die Würde liegt
im Weitermachen

Beim Frühjahrsempfang des Forums Hospitalviertel verbindet Eberhard Schwarz Hemingways „Der alte Mann und das Meer“ mit einem mutmachenden Plädoyer für Selbstwirksamkeit, Demokratie und gemeinschaftlichem Handeln

VON MARTIN HAAR

Es ist ein Abend, der in Erinnerung bleibt. Denn selten erlebten Gäste des traditionellen Frühjahrsempfangs des Forum Hospitalviertel, dass Gesang, Literatur und gesellschaftliche Wirklichkeit so eng miteinander verknüpft wurden. Mehr noch: Forum-Vorstand Eberhard Schwarz gelingt es in seiner Rede, den literarischen Stoff zur Vorlage für eine gesellschaftliche Frage zu gestalten: Wie bewahren Menschen Haltung in einer Zeit, in der viele das Gefühl verlieren, noch etwas bewirken zu können?

Die Menschen kommen an diesem Abend natürlich aus dem Viertel. Aber sie kommen auch aus Ganzstuttgart. Gemeint ist mit dieser Wortschöpfung, die Gäste des Frühjahrsempfangs kommen aus Institutionen, Vereinen, aus kommunalpolitischen Räten, der Polizei, der Kultur, der Wirtschaft und und und. Jung gesellt sich zu Alt. Oder umgekehrt. Da passt es, dass der Hausherr und Intendant Roland Mahr bei seiner Begrüßung hervorhebt, dass das Hospitalviertel ein Ort sei,  an dem viele Generationen zusammenleben. Das Bunte präge diesen Ort mit seinen Menschen vom Theater, Jugendhäusern, kleinen Geschäften, Religions-  oder Bildungseinrichtungen. Es sei ein Viertel, das gelebt werden will.

Über dem Abend steht jedoch ein Wort: Selbstwirksamkeit.

Ein großes Wort. Aber eines, das an diesem Abend immer wieder einen einfachen Kern bekommt. Die Frage nämlich, ob Menschen glauben, dass ihr Handeln noch etwas bedeutet. Dann tritt Angela Neis auf die Bühne. Die Schauspielerin liest aus Ernest Hemingways „Der alte Mann und das Meer“.

Der alte Fischer Santiago fährt seit vierundachtzig Tagen ohne Fang hinaus. Die anderen halten ihn längst für glücklos. Sein Segel sieht aus „wie die Flagge einer unabänderlichen Niederlage“. Doch seine Augen bleiben heiter. Hemingway erzählt ohne Trost und ohne Klage. Der alte Mann kämpft nicht gegen das Meer. Er lebt mit ihm. Er weiß, dass Niederlagen kommen. Er weiß auch, dass Würde nicht davon abhängt, ob einer gewinnt.

Als der große Fisch anbeißt, beginnt der eigentliche Kampf. Santiago stemmt sich gegen die Leine. Der Fisch zieht ihn weit hinaus aufs Meer. Der Alte spürt den Schmerz im Rücken, den Durst, die Erschöpfung. Aber er hält stand. Nicht aus Hoffnung auf Ruhm. Sondern weil er nicht anders kann. „Ich kann etwas tun. Es gibt vieles, was ich tun kann.“

Dieser Satz bleibt im Raum stehen.

Er wird an diesem Abend zum eigentlichen Mittelpunkt. Denn Santiago gewinnt am Ende nicht. Die Haie fressen den Fisch. Als er heimkehrt, bleibt nur das Gerippe. Der Kampf scheint verloren. Doch Hemingway interessiert sich nie für den Sieg. Ihn interessiert, was vom Menschen bleibt, wenn alles andere verloren geht.

Santiago verliert den Fisch, aber nicht seine Haltung.

Als er sagt: „Sie haben mich besiegt“, widerspricht der Junge sofort: „Er hat dich nicht besiegt.“

Eberhard Schwarz, Vorstand des Forum Hospitalviertel, greift Hemingways Gedanken auf und führt ihn weiter: „Wahrscheinlich lässt sich die Frage, warum das Forum Hospitalviertel diesen Abend unter das Thema Selbstwirksamkeit stellt, kaum besser beantworten als durch den Text, den wir eben gehört haben.“ Denn der alte Mann und das Meer erzähle von einem Menschen, der fast alles verliert. Von einem alten Fischer, der keinen Erfolg mehr hat, dessen Kräfte schwinden und der trotzdem hinausfährt. Nicht, weil er glaubt, sicher zu gewinnen. Sondern weil er sich selbst treu bleiben will. Hemingway beschreibt keinen Helden. Er beschreibt einen Menschen, der seine Würde behält. „Santiago kämpft gegen den Fisch, gegen die Müdigkeit, gegen den Schmerz, gegen die Einsamkeit“, sagt Schwarz, „aber eigentlich kämpft er gegen etwas anderes: gegen die Versuchung aufzugeben. Gegen die Vorstellung, bedeutungslos geworden zu sein.  Und mitten in diesem Kampf spricht er einen Satz aus, der heute Abend vielleicht wichtiger ist als alles andere: Ich kann etwas tun. Es gibt vieles, was ich tun kann.

Dieser Satz mag schlicht sein. Aber er trägt laut Schwarz eine ganze Haltung in sich. Denn Selbstwirksamkeit beginne genau dort. Nicht im großen Erfolg. Nicht in Macht. Nicht darin, alles kontrollieren zu können. Sondern in dem Vertrauen, dass das eigene Handeln Bedeutung hat. Gerade dieses Vertrauen gerate, so Schwarz, heute vielerorts ins Wanken. „Viele Menschen erleben politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen als etwas, dem sie ausgeliefert sind“, sagt Schwarz und erntet kollektives Kopfnicken der etwa 70 Gäste im Renitenztheater. Auch der folgende Satz findet uneingeschränkte Zustimmung:  „Entscheidungen scheinen weit entfernt getroffen zu werden. Die Krisen unserer Zeit wirken groß. Manches erscheint unübersichtlich, anderes kaum noch beeinflussbar. Und wo Menschen das Gefühl verlieren, mitgestalten zu können, wächst leicht Ohnmacht. Und aus Ohnmacht entstehen Rückzug, Müdigkeit und manchmal auch Zynismus.“

Als glühender Verfechter von Demokratie und Gemeinsinn einer offenen Gesellschaft weist Schwarz daraufhin: „Demokratie lebt aber davon, dass Menschen sich nicht als Zuschauer verstehen. Sie lebt davon, dass Menschen den Eindruck haben, dass ihre Stimme zählt und dass ihr Handeln Wirkung entfalten kann. Darum ist Selbstwirksamkeit kein pädagogisches Schlagwort. Es ist ein gesellschaftlicher Schlüsselbegriff.“

Der kanadische Psychologe Albert Bandura hat dies früh erkannt und in seinen Werken beschrieben, wie Menschen Vertrauen in ihre eigene Wirksamkeit entwickeln. Und zwar nicht, weil sie Belohnung oder Bestrafung erwarten. Es ist die Erfahrung, durch gemeinsames Handeln, durch Erleben zu etwas Gelingendem beizutragen. Es ist die vertrauensvolle Zusammenarbeit von Menschen, die Beziehung zum Nächsten Erleben. Schwarz: „Menschen lernen Hoffnung nicht theoretisch. Sie lernen sie praktisch. Genau darin liegt auch die Aufgabe einer Initiative wie des Forums Hospitalviertel.“

Tatsächlich versucht dieses Forum, Menschen seit knapp 25 Jahren miteinander zu verbinden. Bewohnerinnen und Bewohner. Institutionen. Religionsgemeinschaften. Verwaltung und Politik. Es schafft Räume für Begegnung, für Gespräche, für Beteiligung. Und es versucht, das Gefühl zu stärken, dass dieses Viertel nicht einfach verwaltet wird, sondern gemeinsam gestaltet werden kann.

Das vergangene Jahr habe besonders deutlich gezeigt, wie wichtig solche Räume seien. Gemeint sind die Eröffnung des Synagogenvorplatzes und all die Veränderungen, die im Viertel sind. Sie zeigen den Wandel des Viertels. Neue Projekte kommen hinzu. Auch sie schaffen wieder Beziehungen und Vertrauen in andere Menschen, die Verantwortung füreinander übernehmen. „Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Verunsicherung wird das entscheidend“, sagt Schwarz und hebt seine Stimme an: „Denn wo Menschen erleben, dass ihr Handeln Spuren hinterlässt, wächst Beteiligung. Dort entsteht Gemeinschaft. Dort entsteht Vertrauen. Und dort entsteht auch die Kraft, schwierige Entwicklungen auszuhalten, ohne sich abzuwenden.“

Doch all diese gesellschaftliche Arbeit ist nun von wirtschaftlichen Zwängen bedroht, die das Forum vor enorme Herausforderungen stellte, so Schwarz: „Die öffentlichen Mittel werden knapper. Förderprogramme laufen aus. Die Finanzierung vieler Aufgaben ist unsicher geworden. Wir wissen heute noch nicht in allen Punkten, wie unsere Arbeit künftig abgesichert werden kann.“

Womit Eberhard Schwarz den Bogen zurück zum Anfangsgedanken schlug. Zurück zu Hemingway und seinem Fischer Santiago: Es geht um Selbstwirksamkeit und Haltung: „Santiago fährt am Ende wieder hinaus. Nicht, weil ihm Erfolg garantiert wird. Sondern weil er verstanden hat, dass Würde darin liegt, nicht aufzugeben.“ Vielleicht sei das auch die Aufgabe des Viertels und des Vereins: weiterzumachen. Gemeinsam. „Denn die eigentliche Kraft zivilgesellschaftlicher Arbeit liegt nicht zuerst in Fördermitteln. Sie liegt in Menschen. In ihrer Zeit. Ihrer Aufmerksamkeit. Ihren Ideen. Ihrer Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Sie liegt in dem Satz: Ich kann etwas tun.“

Und irgendwann, so die Hoffnung des ehemaligen Pfarrers der Hospitalkirche, werde daraus ein vielstimmiger Satz: „Wir können etwas verändern.“ Das Hospitalviertel sei immer ein Ort des Wandels gewesen. Aber eben auch ein Ort der Begegnung. Ein Ort, an dem Menschen Unterschiede aushalten und trotzdem miteinander leben. Ein Ort, an dem neue Formen des Zusammenlebens ausprobiert werden. Schwarz: „Vielleicht braucht unsere Gesellschaft heute genau solche Orte dringender denn je. Nicht Orte der großen Parolen. Sondern Orte, an denen Menschen erfahren, dass Demokratie im Kleinen beginnt. Im Gespräch. Im Zuhören. Im Mitmachen. In der Bereitschaft, sich umeinander zu kümmern. Und genau darum sei Selbstwirksamkeit kein pädagogisches Modewort, sondern eine gesellschaftliche Notwendigkeit. „Menschen müssten erfahren, dass ihre Stimme zählt. Dass ihr Handeln Wirkung hat. Dass Zukunft nicht einfach geschieht, sondern gemacht wird.“

Mit diesem Schlusswort spielt Eberhard Schwarz den Ball wieder an Renitenztheater-Ensemblemitglied Ismael Boerner, der den Abend auf der Bühne mit Gesang eröffnete und mit Gesang beschloss. Normalerweise heißt es ja: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Er braucht auch das, was den Geist wachhält und der Seele Halt gibt. In diesem Fall gilt die Abwandlung dieses geflügelten Wortes. Nach der Rede von Eberhard Schwarz muss dieses Bonmot umgewidmet werden: Nicht von der mutmachenden Rede allein lebt der Mensch. Nach so einem Beitrag schmecken Pizza, Pasta im Foyer des Theaterrestaurants La Commedia vielleicht noch ein wenig besser.