Podiumsveranstaltung am 23. 02.2026 im CVJM Stuttgart

Wie kann Quartiersarbeit funktionieren, wenn öffentliche Mittel wegfallen?
Diese Frage stand im Mittelpunkt einer vielstimmigen Podiumsveranstaltung im Hospitalviertel. Vertreter:innen aus Zivilgesellschaft, Politik, Verwaltung und Medien diskutierten unter der engagierten Moderation von Roland Mahr, dem Intendanten des Renitenztheaters Stuttgart, über die Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements. Die Veranstaltung machte deutlich: Es geht um weit mehr als 25.000 Euro.
Ein Viertel als Labor der Stadtgesellschaft
Seit über 20 Jahren prägt das Forum Hospitalviertel die Entwicklung des Stadtteils. Verkehrsberuhigte Plätze, interreligiöse Zusammenarbeit, Beteiligungsprozesse, soziale Experimente im öffentlichen Raum – vieles, was heute selbstverständlich erscheint, ist Ergebnis kontinuierlicher Quartiersarbeit.
Für Eberhard Schwarz, Vorstandsmitglied des Forums, liegt der Kern dieser Arbeit nicht in einzelnen Projekten, sondern im Aufbau tragfähiger Beziehungen: „Quartiersarbeit schafft Räume, in denen Menschen miteinander ins Gespräch kommen – unabhängig von Herkunft, Status oder Funktion.“ Das Forum verstehe sich als kooperatives Netzwerk und als Lernort für Stadtgesellschaft.
Bürgerschaftliches Engagement braucht Strukturen
Deutlich wurde im Laufe des Abends: Ehrenamt ist kein Selbstläufer. Irene Armbruster, Geschäftsführerin der Bürgerstiftung Stuttgart, betonte, dass bürgerschaftliches Engagement heute stärker gebraucht werde denn je – gleichzeitig aber strukturell zu wenig unterstützt sei. Engagement müsse frühzeitig in politische und verwaltungstechnische Prozesse eingebunden werden, nicht erst am Ende.
Auch Jan Sellner von der Stuttgarter Zeitung warnte vor einer Überforderung des Ehrenamts. Anerkennung sei wichtig, reiche aber nicht aus. Quartiersarbeit brauche einen verlässlichen Unterbau: Räume, Koordination, minimale finanzielle Sicherheit. Andernfalls drohten Auszehrung und Abbruch.
„Never change a running system“
Besonders deutlich positionierte sich Veronika Kienzle, Bezirksvorsteherin von Stuttgart‑Mitte. Für sie ist das Forum Hospitalviertel ein Vorzeigemodell gelungener Kooperation zwischen Bürgerschaft, Politik, Wirtschaft und Verwaltung. Die Kürzung der städtischen Förderung bezeichnete sie als falsches Signal – gerade weil das System funktioniere und über das Viertel hinaus ausstrahle.
Quartiersarbeit, so Kienzle, könne nicht allein vom Ehrenamt getragen werden. Sie kündigte an, sich auf Bezirksebene für eine Übergangslösung einzusetzen, um die Arbeit des Forums zumindest vorübergehend abzusichern.
Politischer Konsens – und klare Konfliktlinien
In den Stellungnahmen der Gemeinderatsfraktionen, die hochrangig und aus nahezu allen Parteibündnissen und Fraktionen an diesem Abend vertreten waren, zeigte sich ein breiter Grundkonsens: Quartiersarbeit ist wichtig für sozialen Zusammenhalt, demokratische Teilhabe und Lebensqualität. Uneinigkeit besteht jedoch bei der Frage, wie und in welchem Umfang sie kommunal finanziert werden kann.
Mehrere Redner:innen kritisierten den „Rasenmäher“ bei Haushaltskürzungen und verwiesen darauf, dass vergleichsweise kleine Beträge eine große Wirkung entfalten können. Andere mahnten zur Vorsicht und verwiesen auf die angespannte Haushaltslage sowie auf die Gefahr ungleicher Behandlung gegenüber anderen ehrenamtlichen Initiativen.
Pflichtaufgabe oder freiwillige Leistung?
Zentral war die Frage, ob Quartiersarbeit nicht längst als kommunale Pflichtaufgabe verstanden werden müsste. Zwar können Kommunen dies rechtlich nicht selbst festlegen, doch der Abend machte deutlich: Ohne Investitionen in soziale Infrastruktur lassen sich die großen Herausforderungen – Einsamkeit, Integration, gesellschaftlicher Zusammenhalt – kaum bewältigen.
Mehrfach wurde darauf hingewiesen, dass Kommunen finanziell immer stärker unter Druck geraten, weil Pflichtaufgaben von Bund und Land nicht ausreichend gegenfinanziert werden. Umso wichtiger sei eine ehrliche Prioritätensetzung.
Ein starkes Signal aus dem Viertel
Am Ende überwog ein Eindruck: Das Forum Hospitalviertel ist kein gewöhnlicher Verein. Es ist ein Ort gelebter Kooperation, ein Resonanzraum für gesellschaftliche Fragen – und ein Beispiel dafür, was möglich ist, wenn Menschen, Institutionen und Politik auf Augenhöhe zusammenarbeiten.
Die Veranstaltung selbst wurde damit zu dem, was sie verhandelte: ein Ausdruck lebendiger Stadtgesellschaft. Wie es weitergeht, wird sich in den kommenden Monaten zeigen – sicher ist jedoch, dass diese Debatte weit über das Hospitalviertel hinausweist.


