Gemeinsame Sache im Sinne der Demokratie (v.l.): Eberhard Schwarz, Christoph Hölscher (Forum Hospitalviertel), Klaus Volkmer (Stadtplanungsamt), Margarete Müller und Achim Weiler (Forum Hospitalviertel. Foto: Haar

Platz der Demokratie

Gemeinsame Sache im Sinne der Demokratie (v.l.): Eberhard Schwarz, Christoph Hölscher (Forum Hospitalviertel), Klaus Volkmer (Stadtplanungsamt), Margarete Müller und Achim Weiler (Forum Hospitalviertel. Foto: Haar
Gemeinsame Sache im Sinne der Demokratie (v.l.): Eberhard Schwarz, Christoph Hölscher (Forum Hospitalviertel), Klaus Volkmer (Stadtplanungsamt), Margarete Müller und Achim Weiler (Forum Hospitalviertel. Foto: Haar

Demokratie soll im Herzen

der Stadt sichtbar und erlebbar werden

Der Bezirksbeirat Mitte hat sich in einer Sitzung deutlich hinter die Pläne zu einer Neugestaltung des Leuschnerplätzles gestellt. Damit greift der Bezirksbeirat und die Verwaltung die Vorstellungen und Vorarbeiten des Forum Hospitalviertels auf. Denn der Verein arbeitet bereits seit über 15 Jahren an Ideen zur Umsetzung eines Platzes der Demokratie.

 

Ein kleiner Platz mit großer Geschichte: Das
Leuschnerplätzle, versteckt zwischen Fritz-Elsas-Straße und Leuschnerstraße im Hospitalviertel,
soll nach dem Willen des Stadtplanungsamtes, dem Bezirksbeirat Mitte und dem
Forum Hospitalviertel zu einem Ort der gelebten Demokratie werden. Aus dem schwäbischen
Diminutiv Leuschnerplätzle könnte sogar ein starkes Zeichen mit Symbolkraft: Es
könnte im Hopspitalviertel „Der Platz der Demokratie“ entstehen.

Den Anstoß zur Namensgebung gab Klaus Volkmar vom Amt für
Stadtplanung bei einem Lokaltermin am Leuschnerplätzle mit dem Vorstand des
Forums Hospitalviertel. Volkmar regte an, den geschichtsträchtigen Ort, an dem
einst das Rumpfparlament tagte, nicht länger mit einem „-plätzle“ zu
verniedlichen. Das werde der historischen Bedeutung des Ortes nicht gerecht. Die
Idee fand beim Vorstand des Forums sofort Anklang und Unterstützung.

„Dass Bezirksbeirat und Verwaltung dieses Projekt nun mit
uns angehen wollen, erfüllt uns mit großer Freude“, erklärt Eberhard Schwarz,
Vorstandssprecher des Forums: „Noch schöner ist es, dass wir in die Umsetzung
kommen, denn wir arbeiten an dieser Idee seit über 15 Jahren.“ Diese
langjährige Vorarbeit umfasste Kooperationen mit der Universität Stuttgart, dem
Internationalen Zentrum für Kultur- und Technikforschung (IZKT), dem
Stadtarchiv und politischen Akteuren. Ziel war es stets, den Platz nicht nur
städtebaulich aufzuwerten, sondern ihn auch inhaltlich mit Bedeutung zu füllen.
Ganz nach den Vorbildern des Oppenheimer- oder des Taro-Platzes.

„Eigentlich ist es entscheidend, dass ein Platz mit dieser
Geschichte auch sichtbar als Erinnerungsort gestaltet wird“, betont Pfarrer
Schwarz, „er soll jeder Bürgerin und jedem Bürger dieser Stadt bewusst machen,
wie wichtig ihr Einsatz für eine offene, demokratische Gesellschaft ist.“ Das
Forum schlägt daher vor, an dem künftigen Platz der Demokratie auch eine Art
„Speaker’s Corner“ nach dem Vorbild des Hyde Park in London zu etablieren. Eine
kleine Ecke, an der Menschen ihre Meinung frei äußern und diskutieren können.
„Ein könnte ein Ort sein, an dem politische Meinungen argumentativ
aufeinandertreffen, an dem Schulklassen lernen können, wie Demokratie
funktioniert. Nämlich lebendig, streitbar und respektvoll.“ Darüber hinaus
betont Schwarz die Notwendigkeit, den Platz in ein Netzwerk anderer
erinnerungskultureller Orte Stuttgarts einzubinden: von historischen Stätten
über Bildungsinstitutionen bis hin zu kulturellen Einrichtungen. Auch eine
Zusammenarbeit mit dem Literaturhaus, dem Institut Français oder Stiftungen mit
bürgerschaftlichem und politischem Fokus sei essenziell, um dem Ort dauerhaft
inhaltliche Tiefe zu geben.

Ein weiterer Vorschlag mit großem Potenzial kamen von
Stadtplaner Volkmer und dem Forum Hospitalviertel: Eine seit Jahren
leerstehende Ladenfläche in der Leuschnerstraße 16 – direkt am Platz gelegen –
könnte künftig als Veranstaltungsort oder Bildungsraum genutzt werden. Die
Fläche gehört der Stadt Stuttgart und wird vom Liegenschaftsamt verwaltet. Für
das Forum Hospitalviertel wäre es ein idealer Ort, um Veranstaltungen,
Workshops oder Ausstellungen zur Demokratiegeschichte Stuttgarts dort zu
verankern.

„Die geplante Umgestaltung des Leuschnerplätzles markiert
mehr als eine städtebauliche Veränderung“, sagt Eberhard Schwarz, „sie ist
Ausdruck eines gewachsenen demokratischen Selbstverständnisses. Ein Ort, der
daran erinnert, woher wir kommen, und zugleich Raum schafft für die Frage,
wohin wir wollen. Ein Platz, der nicht nur gestaltet,
sondern gelebt wird.“

Diese Vorschläge gehen weit über die Beschlüsse des
Bezirksbeirats Mitte hinaus. Der Beirat begrüßt zwar die Richtung der Planungen
von Klaus Volkmer, formulierte jedoch noch Wünsche für eine weitere
Ausarbeitung, die die historische und demokratie-relevante Bedeutung nicht
spiegeln. So ging es in der Diskussion des Rates eher um die Frage, wie der
Platz möglichst vielfältig und inklusiv gestaltet werden könne. Der
Bezirksbeirat regte insbesondere an, das Thema Wasser in Form eines
öffentlichen Trinkbrunnens aufzunehmen. In diesem Zusammenhang empfahl Bezirksvorsteherin
Veronika Kienzle, auch das Tiefbauamt und die Stiftung Stuttgarter Brünnele in
die Planung einzubeziehen.

Ein besonderes Augenmerk lenkte der Rat auch auf die zukünftige
Nutzung des Platzes durch Kinder und Jugendliche. Die Bezirksbeiräte sprachen
sich für die Einrichtung von Freizeitangeboten wie einer Tischtennisplatte,
einer Boccia- oder Boule-Bahn sowie einer Schaukel aus. Eine Skateanlage wurde
hingegen verworfen, da sie zu laut sei. Ein sogenannter Pumptrack für Fahrräder
wäre zwar lärmfrei, erfordere jedoch zu viel Fläche, wie die Experten vom
Stadtplanungsamt mittteilten. Veronika Kienzle wies außerdem darauf hin, dass
eine plakatierbare Litfaßsäule anstelle einer reinen Werbesäule erwünscht sei.
Die Platzgestaltung solle außerdem im engen Austausch mit dem Forum
Hospitalviertel sowie dem Jugendrat Mitte abgestimmt werden, um eine breite
Beteiligung der Stadtgesellschaft sicherzustellen.

 

Genau an dieser Stelle sieht das Forum Hospitalviertel laut
Eberhard Schwarz seine Kompetenz und Erfahrung: „In der Vernetzung aller
Akteure und Gruppen im Sinne eines partizipativen Prozesses.“ 

Der Planentwurf berücksichtigt bereits wesentliche Aspekte der Barrierefreiheit, unter anderem mit einer Blindenleitführung. Auch an die Infrastruktur wurde gedacht: So sollen Müllfahrzeuge weiterhin passieren können, die allgemeine Durchfahrt aber durch Poller beschränkt werden. Für Lastenräder sei am Ende der Fahrradbügel Platz vorgesehen, auch wenn der Raum dadurch knapper werde. Zur Oberflächengestaltung soll ein wasserdurchlässiger Belag dienen, der das überschüssige Wasser in Grünbeete ableitet. Eine Zisterne sei aufgrund des geringen Wasseranfalls nicht vorgesehen.

 

Abschließend appellierte der Bezirksbeirat an die zuständigen Ämter, die weiteren Planungsschritte zügig voranzutreiben. Auch wenn sich das Projekt derzeit noch in einem frühen Ideenskizzen-Stadium befindet, sei der Wunsch nach einer baldigen Realisierung deutlich geworden. 

 

 

Begegnung schafft Zukunft

Ein Zeichen des Miteinanders

Der neugestaltete Synagogenvorplatz in Stuttgart wird am 18. September 2025 unter dem Motto „Begegnung schafft Zukunft“ ab 15 Uhr eröffnet.

 

Stuttgart feiert ein besonderes Ereignis: Mit einem Festakt, einem bunten Quartiersfest, einem Kinder- und Jugendprogramm sowie kulturellen Darbietungen wird der neugestaltete Synagogenvorplatz an der Hospitalstraße am 18. September ab 15  Uhr offiziell eröffnet. Im Beisein von Oberbürgermeister Dr. Frank Nopper, Vertretern aus Politik, Kultur und Stadtgesellschaft wird ein Ort eingeweiht, der für viele mehr ist als nur ein öffentlicher Raum. Dieser Platz ist ein Symbol für Teilhabe, Geschichte und Zukunft.

Der neue Vorplatz der Stuttgarter Synagoge ist ein Meilenstein in der städtebaulichen Entwicklung des Hospitalviertels. Die umfassende Neugestaltung markiert zugleich den Abschluss eines über zehn Jahre dauernden Sanierungsprozesses in dem traditionsreichen Quartier, das heute als kultureller und spiritueller Hotspot mitten in der Stadt gilt. „Dieser Ort macht Mut für die Zukunft!  Er trägt in sich die Chance, das Miteinander von Menschen und Institutionen im Quartier generations-, kultur- und religionsübergreifend nachbarschaftlich und von Angesicht zu Angesicht zu leben und zu gestalten und weiterzuentwickeln“, sagt Eberhard Schwarz, Pfarrer im Ruhestand und Vorstandsmitglied des Forum Hospitalviertel e. V.

Die Umwandlung der Hospitalstraße in eine verkehrsberuhigte Zone mit versenkbaren Pollern erhöht nicht nur die Sicherheit für die Israelitische Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW), sondern auch die Aufenthaltsqualität im Quartier. Neue Sitzgelegenheiten, Baumpflanzungen und ein durchdachtes Lichtkonzept sollen künftig zum Verweilen einladen. Besonders sticht ein gestalterisches Highlight hervor: Zwölf Bodenplatten symbolisieren die zwölf Stämme Israels. Durch Spotbeleuchtung werden diese Platten auch nachts sichtbar sein und werden so zu einem stillen, leuchtenden Zeichen jüdischer Präsenz im Herzen Stuttgarts.

 

Für die Israelitische Gemeinde Württemberg (IRGW) ist der neugestaltete Platz ein historischer Schritt. Vorstandssprecherin Barbara Traub betont stets: „Die Synagoge wird damit als religiöses und kulturelles Zentrum sichtbarer. Es ist ein starkes Zeichen für die Präsenz der jüdischen Gemeinde im öffentlichen Raum.“ Ihre Vorstandskollegin Susanne Jakubowski bringt es auf den Punkt: „Es ist wie ein endlich Ankommen – mittendrin im Viertel.“ Die Gemeinde ist nicht mehr nur da, sondern sichtbar, ansprechbar und aktiv Teil des urbanen Lebens. „Wir lieben es, Feste zu feiern, Kulturveranstaltungen auszurichten und die Bürgerinnen und Bürger Stuttgarts willkommen zu heißen“, sagt Jakubowski. Der neugestaltete Vorplatz wird zu einem Ort der Begegnung, des Dialogs und der Zukunft.

Der neue Vorplatz ist nicht nur ein architektonisches oder städtebauliches Projekt, sondern Ausdruck einer gelebten Kultur des Miteinanders. Im Hospitalviertel leben, lernen, arbeiten und begegnen sich Menschen verschiedener Religionen, Kulturen und Hintergründe. Der Verein Forum Hospitalviertel e.V. fördert dieses vielfältige Zusammenleben und setzt sich für eine offene, urbane Quartierskultur ein.

 

Das Motto der Einweihungsfeier bringt es auf den Punkt: Begegnung schafft Zukunft. Der neue Synagogenvorplatz steht für mehr als gelungene Stadtplanung. Er ist ein sichtbares Zeichen für Offenheit, Respekt und das Zusammenleben in einer vielfältigen Stadtgesellschaft. Mit der Eröffnung wird nicht nur ein Platz gefeiert, sondern auch ein klares Bekenntnis zu einem Stuttgart, das seine Geschichte kennt und seine Zukunft gemeinsam gestaltet.

Wie und wo wollen wir wohnen?

Wo können wir wohnen?

Beim gesellschaftspolitischen Talk im Renitenztheater am Dienstag, 3. Juni, 20 Uhr, nimmt auch Forum-Vorstand Eberhard Schwarz teil. Zum Festivalstart wird es um zukünftige Wohnkonzepte ebenso gehen, wie um das Konzept des dritten Raums, der sich als soziale Umgebung und „neutraler Ort“ vom Zuhause (1. Raum) und der Arbeitsstätte (2. Raum) unterscheidet. Wo ist unser inneres Zuhause und wie wichtig ist uns diese Verortung? Zu diesen Fragestellungen und vielen mehr diskutieren die Architektin Sigrid Hintersteininger, die Philosophin Amrei Bahr und Pfarrer Eberhard Schwarz mit Renitenz-Intendant Roland Mahr. Musik macht der Gitarrist Flavius Wagner.

 

Besuch aus Linz

Österreichische Gäste erleben Quartiersmanagement

Ein Besuch mit Überraschungen: 18 Gäste aus der Diözese Linz trafen kürzlich im Roten Salon des Hospitalhofs ein, um mehr über das ehrenamtliche Quartiersmanagement des Forums Hospitalviertel zu erfahren. Begrüßt wurden sie von Monika Renninger, der Leiterin des Hospitalhofs, die das Haus vorstellte.

Für kulinarische Einstimmung sorgten Getränke und schwäbische Butterbrezeln – eine echte Neuheit für die österreichischen Besucher, die das regionale Gebäck begeistert annahmen und die verbleibenden Brezeln am Ende ihres Aufenthalts sogar mit nach Hause nahmen.

Im Mittelpunkt des Treffens stand der Austausch über die Arbeit des Vereins Forum Hospitalviertel. Margarete Müller, Achim Weiler und Christoph Hölscher berichteten über die mehr als 20-jährige Geschichte des Vereins, die Vielfalt religiöser und sozialer Einrichtungen im Viertel sowie die besondere Rolle des Forums als Bindeglied zwischen Anwohnern, Institutionen, Verwaltung und Politik.

Die anschließende Diskussionsrunde offenbarte das große Interesse der Gäste an dem engagierten Quartiersmanagement. Viele zeigten sich beeindruckt davon, wie eine ehrenamtlich organisierte Initiative dazu beitragen kann, ein Viertel lebendig und vernetzt zu halten.

Zum Abschluss führte ein gemeinsamer Spaziergang die Besucher durch die Hospitalstraße, deren reiche Geschichte und viele Anekdoten das Bild eines Viertels mit tiefen Wurzeln und einer starken Gemeinschaft abrundeten.

Die Linzer nahmen nicht nur wertvolle Einblicke in die Quartiersarbeit mit, sondern auch eine neue kulinarische Erkenntnis: Brezeln schmecken mit Butter besonders gut.

Frühjahrsempfang

Podiumsgespräch beim Frühjahrsempfang (v. li.): Pfarrer Jetter, Philosophin Bahr und Intendant Mahr. Foto: Haar:

Starkes Plädoyer
für Bollwerke
der Demokratie

Auf dem Frühjahrsempfang des Forum Hospitalviertel im Renitenztheater hoben Gäste und Akteure in Zeiten, in denen  die Demokratie von vielen Seiten bedroht wird, die Bedeutung von zivilgesellschaftlichen Initiativen, der Kultur sowie der Wissenschaft hervor. Landtagspräsidentin Muhterem Aras wünscht sich daher: „Anstatt immer nur gegen etwas zu sein, wünsche ich mir, dass die Menschen ein Bild zeichnen, in welcher Gesellschaft sie leben wollen. Und dass sie dafür eintreten.“

 

Von Martin Haar

Zusammenleben. So lautete das Motto des Frühjahrsempfangs des Vereins Forum Hospitalviertel im Renitenztheater. Dass es in diesen Tagen sehr unterschiedliche Vorstellungen zum Thema Zusammenleben gibt, zeigt sich bei den verschiedenen Demonstrationen in der Stadt. „Vielfalt tötet“, war dort auf Plakaten zu lesen. Und manch andere erschreckende, faschistische Botschaft mehr.

„Diese Vorstellungen von Zusammenleben geistern nicht nur als Ideen, Meinungen oder Theorien durch den Raum“, hob Forum-Vorstand Eberhard Schwarz bei seiner Begrüßungsrede vor rund 80 geladenen Gästen an und führte den Gedanken fort: „Sie bilden sich sichtbar ab in den Veränderungen unserer politischen und gesellschaftlichen Kultur weit über unsere Stadt und unser Land hinaus. Hautnah erleben wir, wie der Streit um die Form und die Kultur unseres Miteinander Raum greift und hereinwirkt bis in unsere Alltagsbegegnungen. Und, machen wir uns nichts vor: wir spüren das schleichend in unserem Miteinander.“

Aus diesem Grund freute sich Eberhard Schwarz und sein Vorstandsteam umso mehr diesen Abend im Renitenztheater mit Menschen zu feiern, denen das Miteinander in einer offenen und freien Gesellschaft am Herzen liegt. Mit Menschen, die einen untrüglichen Kompass für den Gemeinsinn besitzen und sich durch bestimmte Eigenschaften auszeichnen: Wie etwa Kommunikation auf Augenhöhe oder dem Bewusstsein, dass Nähe und Vertrauen die Grundlage des Zusammenlebens sind. „Es gibt Menschen, die darauf setzen, dass Beziehungen, auch wenn sie gelitten haben, wieder wachsen oder sogar in neuer Qualität entstehen können“, sagte Schwarz und ergänzte, „und es gibt Menschen, die darauf vertrauen, dass es eine verantwortliche Aufgabe von Gesellschaften ist, die schwächeren Glieder zu schützen und zu stärken.“ Und natürlich gebe es auch diejenigen, „die wissen, dass Kulturen keine feststehenden Blöcke sind – dass sie es niemals waren, sondern dass sie sich immer wieder wechselseitig inspirieren und dass dies auf der kleinsten Ebene – in Stadtquartieren – im Zusammenleben spürbar und erlebbar ist“. Selbstredend gebe es auch die Menschen, „die die Erfahrung gemacht haben, dass es immer wieder die realen Begegnungen und Gespräche sind, die unsere Wirklichkeitswahrnehmung prägen – und verändern.“

Und genau für diese Menschen ist der Verein Forum Hospitalviertel seit dem Jahr 2002 ein verdichteter Ort, in dem diese Vision vom Zusammenleben umgesetzt wird. „Es ist unser Verein, der auf der Basis von wechselseitigem Vertrauen und wechselseitiger Unterstützung und Information ein gut funktionierendes Netzwerk aufgebaut hat, das einerseits die unterschiedlichen Akteure und Initiativen im Quartier nachbarschaftlich verbindet“, so Schwarz, „und andererseits das Quartier auch nach außen hinein in die städtische Politik, Kultur und Gesellschaft sichtbar und ansprechbar macht.“

Stichwort Quartier: Quartiere sind laut Eberhard Schwarz auch Dritte Orte. Sie seien für eine offene, freiheitliche Gesellschaft ebenso wichtig wie der erste Ort – das private Zuhause. Und der zweite Ort – die Schule oder der Arbeitsplatz. Sie hätten soziale Spielregeln und Voraussetzungen. Dritte Orte seien, so Schwarz, für die Förderung sozialer Integration und des Zusammenhalts wichtig. Mehr noch: „Quartiere wie des Hospitalviertel sind dazu geradezu prädestiniert“, glaubt Schwarz und untermauert dies mit seinen konkreten Erfahrungen. Nicht zuletzt aus Erfahrungen seines 26-jährigen Dienstes als Pfarrer der Hospitalkirche. „Unsere Erfahrung im Quartier ist“, sagte Schwarz, „es lohnt sich, in die reale, konkrete Begegnung – und immer wieder in kommunikative Vorleistung – zu gehen. Es lohnt sich, Komplexität auszuhalten und immer wieder neu den persönlichen Austausch zu ermöglichen.“

Kurzum: So wird das Quartier (und sein Forum) zum Spannungsfeld demokratischer Prozesse. Und zum Spannungsfeld von nah und fern. Nicht zuletzt aus diesem Grund gab Forum-Vorstandsmitglied und Intendant des Renitenztheaters; Roland Mahr, dem Programmhöhepunkt den Titel Glokalität. Es ist ein Kunstwort  aus den Begriffen ‚global‘ und ‚lokal‘ und beschreibt die Verbindung sowie das Zusammenspiel von globalen Prozessen und lokalen Handlungsweisen. Gemeinsam mit der Philosophin Amrei Bahr und Pfarrer Benedict Jetter wagte es Mahr in einem 40-minütigen Podiumsgespräch die Komplexität dieses Spannungsfeldes fassbar zu machen. Während Jetter als Seelsorger viele demokratiewidrigen Handlungen von Menschen mit deren Angst erklärte, schlug die Juniorprofessorin der Universität Stuttgart einen anderen Weg ein. Sie verteidigte mit Vehemenz die Bedeutung von Wissenschaft, Kultur und zivilgesellschaftlichen Initiativen, wie etwa das Forum Hospitalviertel. Sie nannte Kultur und Initiativen „das Bollwerk der Demokratie“. Daher seien die Pläne der neuen Regierung in Berlin, gerade in diesen Zeiten hier den Rotstift anzusetzen „völlig falsch“: „Gerade jetzt müsste man eigentlich investieren statt zu streichen.“

Für Eberhard Schwarz war diese Forderung der Philosophin wie Wasser auf seine Mühlen. „Man darf nicht kaputtsparen, wo Menschen ohne Angst kommunizieren können“, sagte er. Damit dachte Schwarz natürlich auch glokal. Denn Berlin oder Stuttgart: die Bollwerke der Demokratie kämpfen allerorten um ihre Existenz. Bei Landtagspräsidentin Muhterem Aras (Grüne), die der Diskussion aufmerksam folgte, rannte der Forum-Vorstand damit offene Türen ein. Doch Aras, die als kluge Pragmatikerin gilt, gab allen im Theatersaal einen weisen Ratschlag mit auf den Weg ins Foyer zu Imbiss und Diskussionen. „Mir geht es heute, ob bei den Demonstrationen oder in den Debatten zu sehr um das Dagegensein.“ Sie wünsche sich vielmehr, dass die Leute couragiert und klar artikulierten, wofür sie seien. „Mir wäre es lieber“, sagte Aras, „die Menschen würden ein Bild zeichnen, in welcher Gesellschaft sie leben wollen. Und dass sie dafür eintreten.“

(Dritte) Orte oder zivilgesellschaftlich Strukturen für diese politische Meinungsbildung- oder Äußerungen gibt es. Besser gesagt: es gibt sie noch. Zuvorderst auf den Plätzen des Quartiers und dem Forum Hospitalviertel.

Auf der Gästeliste des Frühjahrsempfangs waren neben vielen Mitgliedern unter anderen:

Stellvertretende Bezirksbeirätin Dajana Hummel (FDP), Stadtrat Cornelius Hummel (FDP), Juliane Becker (FDP-Landtagskandidatin), Amrei Bahr (Juniorprofessorin für Philosophie der Technik und Information an der Uni Stuttgart, Stadtdekan Sören Schwesig, Hospitalkirchen-Pfarrer Benedict Jetter, StZ/StN-Lokalchef Jan Sellner, Alt-Stadtrat Michael Kienzle (Stiftung Geißstraße), Elke Uhl (IZKT/Uni Stuttgart), Dagmar Mikasch-Köthner (VHS) und Susanne Jakubowski (IRGW).  

Besuch im Quartier (v. li.): Fuss-e.V.-Sprecher Peter Erben mit Kollegin Christina Kircher Wintterling und den Forum-Vorständen Margarete Müller, Christoph Hölscher sowie Achim Weiler.

Besuch vom Fuss e.V. im Quartier

"Die Stadt hat kein Gesamtkonzept für den Fußverkehr"

Forum Hospitalviertel kooperiert mit dem Fuss e.V.: Vereine haben viele Schnittmengen und wollen Synergien nutzen. Fuss-e.V.-Sprecher Peter Erben: „Die Stadt kein schlüssiges Gesamtkonzept für den Fußverkehr.“   

Besuch im Quartier (v. li.): Fuss-e.V.-Sprecher Peter Erben mit Kollegin Christina Kircher Wintterling und den Forum-Vorständen Margarete Müller, Christoph Hölscher sowie Achim Weiler.

„Das ist ja fast ein Vorzeigeviertel, das sind ja paradiesische Verhältnisse, ein natürlicher Superblock“, sagte Peter Erben vom Stuttgarter Fuss e.V. bei seinem Besuch des geschäftsführenden Vorstands des Forum Hospitalviertel. Erben war mit seiner Mitstreiterin Christina Kircher-Wintterlin gekommen, um sich mit der Quartiersinitiative im Hospitalviertel zu vernetzen und auszutauschen. Tatsächlich war er beim Besuch hoch erfreut über den Zustand des Hospitalviertels zum Abschluss der Sanierung: „Hier wurde auf die Bedürfnisse und Anliegen der Menschen, die auf Gehwege angewiesen sind, hervorragend eingegangen.“ Weiter sagte Erben, dass sein Verein nach vielen Jahren harter Arbeit nun endlich in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit angenommen und angekommen sei: „Die Leute wissen, dass sie auf uns zählen können. Und sie haben das Gefühl, dass sie von uns ernst genommen werden.“

Forum-Vorstand Eberhard Schwarz, bedankte sich bei Erben für die Blumen sowie den Besuch und formulierte das gegenseitige Interesse nach „Synergien und wechselseitiger Unterstützung“. Man habe das gleiche Ziel, sagte Schwarz: „Wie können wir öffentliche Belange der Bürger in die städtischen Gehörgänge bringen, etwa zum Thema Verkehr und Mobilität in der Innenstadt.“

In dieser Hinsicht beschäftigt sich das Forum Hospitalviertel mit vier Hauptthemen:

Das gesamte Verkehrskonzept ist mit dem Abschluss der Sanierung nicht mehr stimmig und schlüssig. „Wir fragen uns daher, wie wir den Fußverkehr vor allem für die Schüler sicherer machen können“, so Schwarz.

Aber auch das Thema Theodor-Heuss-Straße beschäftigt den Verein immer wieder. Hier bestehe jedoch die Hoffnung, dass die Verkehrssituation mit den Baumaßnahmen 2025 besser und sicherer wird.

„Ein ganz heikler Platz ist auch der Berliner Platz“, sagte Schwarz, „da hier die Schnittmenge vieler Verkehrs- und Mobilitätsformen aufeinandertreffen und immer wieder für gefährliche Situationen sorgen“.

Hinzu komme die Parksituation im Viertel, die durch die vielen Autos mit Doppelkennzeichen aus der Region oft zu Verdruss und Ärger sorgten. Angelehnt an Erbens Zitat mit den „paradiesischen Zuständen“, meinte Forum-Finanzvorstand Klaus Böhringer: „Kommen Sie mal am Wochenende hierher, da werden Sie aus dem Paradies vertrieben. Da finden Sie als Anwohner keinen Parkplatz.“   

All das ist Wasser auf die Mühlen von Peter Erben und seinem Verein. Er bestätigte, dass es bei der Stadt zwar ein Fußgängerkonzept gebe, dies aber „Flickwerk“ sei. Auch weil man sich in den unterschiedlichen Ämtern nicht über das Ziel einig sei, womit die Grundlage für ein schlüssiges Gesamtkonzept fehle. Einig waren sich jedoch alle, dass es im Kessel im Grunde an Platz fehle. Platz, den sich alle Verkehrsteilnehmer teilen müssten.

Christoph Hölscher wandte bei diesem Aspekt ein: „Man kann nicht mehr Platz schaffen in der Stadt, aber es wäre schon hilfreich, wenn sich jeder Verkehrsteilnehmer dort bewege, wo er hingehört.“ Dass in dieser Hinsicht teilweise Wild-West-Situationen entstünden, bestätigte Peter Erben. Es fehle schlicht an Kontrollen, meinte er. „Das Ordnungsamt beklagt in dieser Hinsicht immer wieder, dass es machtlos sei, da es zu wenig Personal habe.“ Es werden auch viel zu viel Fehlverhalten toleriert, ergänzte Kircher Wintterlin. Damit meinte sie die rücksichtslosen Essens-Kurierfahrer in den Fußgängerzonen, die auf gefährliche Weise an Fußgängern vorbeipreschten oder aber die Problematik rund um die E-Scooter. „Hier wären die radfahrenden Polizeistaffeln ein wirksames Mittel, um Ordnung zu schaffen“, meinte Erben, „aber auch davon gibt es zu wenig.“ Man müsse einfach von dem Ordnungsamt und von den Fraktionen mehr Personal einfordern, damit die Durchsetzung der Straßenverkehrsordnung ein starkes Schwert werde. Ansonsten müsste auf lange Sicht, so Erben, das Recht und der Schutz der Fußgänger über die Möglichkeit der Verbandsklagen durchgesetzt werden. So wie die Umwelthilfe von Jürgen Resch immer wieder Erfolge erziele. Christoph Hölscher, ehemaliger Direktor des Amtsgerichtes Ludwigsburg, ist da skeptisch: „Ich glaube die politische Arbeit ist viel wichtiger, es ist schwierig für die Allgemeinheit zu klagen.“ 

Eberhard Schwarz (re./neben Veronika Kienzle) im Rathaus bei der Präsentation des Jahresberichts

Wertschätzung pur vom Bezirksbeirat

"Sie sind eine Blaupause für Quartiersarbeit"

Eberhard Schwarz (re./neben Veronika Kienzle) im Rathaus bei der Präsentation des Jahresberichts

Der Bezirksbeirat Mitte stellt dem Forum Hospitalviertel nach der Präsentation des Jahresberichts 2023 ein exzellentes Zeugnis aus. Erneut flammt der Appell an die Stadt und den Gemeinderat nach einer Verstetigung der Fördermittel auf.

So wie der Bezirksbeirat der Nukleus der Kommunalpolitik ist, so sind es auch die verschiedenen bürgerlichen Initiativen, die dort in aller Regel ihre Herzensprojekte vorstellen. Die Fügung wollte es so, dass neben dem Verein Forum Hospitalviertel eine andere beachtenswerte Initiative ihre Ideen in der Sitzung des Bezirksbeirats Mitte präsentierte: das Projekt „7000 Seeds“ – 7000 Samen. Das Schlagwort der Initiatoren lautet: „Stadt-Vewaldung“ statt lähmender Verwaltung. Dahinter steht das Ansinnen, die Stadt rasch grüner zu machen. Forum-Vorstandssprecher Eberhard Schwarz nahm diesen Steilpass der „7000 Seeds“ gerne auf und meinte bei der Präsentation seines Jahresberichts vor den Bezirksbeiräten und Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle (Grüne): „Das ist eine gute Sache. Zu dem Saatgut legen wir noch rund 30 Bäume obendrauf, um die Stadt und unser Hospitalviertel grüner zu machen.“  

Für Eberhard Schwarz und das Forum Hospitalviertel sind die Baumaktion, die 2025 starten soll, jedoch mehr als nur Begrünung. Vielmehr sei es die Möglichkeit in diesem kleinen Bereich, durch die Baumpflanzung und deren Hege die Rollen der Bürger, des Stadtklimas sowie ökologische Themen hervorzuheben. „Uns geht es darum, trotz aller Spannungen in der Gesellschaft, die Nachbarschaft und die Begegnungen durch die Pflege zu stärken. Denn wir empfinden als Quartiersinitiative eine Verantwortung für das Zusammenleben“, sagte Schwarz, ehe er die Eck- und Schwerpunkte des Jahresberichts 2023 dem Bezirksbeirat Mitte vorstellte: die Blauen Stühle, das Ethik-Café, die Quartiersführungen, die Satzungsfassung für einen muslimischen Gebetsraum oder die Mitarbeit beim Sozialamt an einem Rahmenplan für soziale Quartiersentwicklung.

Wie in jedem Jahr goutierten die Bezirksbeiräte die Arbeit des Forum Hospitalviertel nicht nur, sie fanden vielmehr überaus wertschätzende Worte. Den Reigen des Lobes nahm Andreas Nikakis, beratendes Mitglied für Migration und Integration, auf: „Sie sind hier immer willkommen – wie ein heller Stern.“ Heinrich Huth verband seine Laudatio mit dem „immergleichen Appell“ an die Stadt und den Gemeinderat mit der Forderung nach einer Verstetigung der Förderung: „Sie machen den Job, den sonst ein Quartiermanager machen müsste. Und der würde viel mehr Geld kosten als die bescheidenen Fördermittel.“ Das Fazit von Huth lautete: „Sie sind und bleiben die Blaupause für Stuttgart in Sachen Quartiersentwicklung und Quartiersarbeit.“

Den krönenden Schlusspunkt in diesem Arbeitszeugnis des Forums Hospitalviertel setzte schließlich Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle: „Das Hospitalviertel ist die Herzkammer des Bezirks Mitte. Hier versammelt sich alles, was gut ist. Dazu gehört auch eine permanente Neuerfindung der Vielfältigkeit im Quartier, die uns als Stadt weiterhilft. Und wenn man über Quartiersentwicklung nachdenkt, was in diesen Zeiten nötiger denn je ist, dann ist das Forum Hospitalviertel ein verdammt gutes Beispiel, wie das gelingen kann.“

Einmal mehr nahm Eberhard Schwarz die ihm zugespielten Bälle auf und zielte erneut ins Schwarze: „Wenn man die von Herrn Huth erwähnte Rechnung bezüglich eines städtischen Quartiersbeauftragten aufmacht, würde man staunen, wie günstig wir arbeiten.“ Wahrscheinlich müsste die Stadt in so einem Fall jährlich etwa das Fünffache an Kosten aufbringen.                           

Bäume für ein besseres Klima

Baumpaten gesucht!

Im Hopsitalviertel werden neue Baumstandorte geschaffen. Die Maßnahmen konzentrieren sich auf die folgenden Straßen: Hohe Straße, Lange Straße, Gymnasiumstraße, Firnhaberstraße, Heustraße und Kienestraße. Dafür suchen die Stadt und das Forum Hospitalviertel Baum-Paten.

Mit eindringlichen Worten begrüßte der Vorsitzende des Vereins Forum Hospitalviertel, Eberhard Schwarz, die Teilnehmer der Veranstaltung „Neue Bäume fürs Hospitalviertel“: „Sehenden Auges sind wir in den vergangenen Jahren in eine umfassende geopolitische Krise geraten, deren Spannungen wir auch im Alltagsleben unserer Stadt spüren. Zukunftsängste und das Misstrauen gegenüber Minderheiten und Fremden sind gewachsen; soziale und ethnische Gruppen, Religionen und Konfessionen begegnen einander mit zunehmenden Vorbehalten.“ Weiter erklärte Schwarz: „Viele machen sich Sorgen um die Zukunft unserer Wirtschaft und um unseren Wohlstand; allein die hohe Polizeipräsenz in unserem Quartier zur Sicherung der Synagoge und der Jüdischen Gemeinde, zeigt, dass das Zusammenleben in unserer Welt nicht einfacher geworden ist.“ Neben Anwohnern und interessierten Bürgern lauschten auch Veronika  Kienzle, die Bezirksvorsteherin Mitte, sowie Claudia Dugandzic vom Gartenbauamt und Claudia Fuhrich mit Astrid Schmelzer (beide Stadtplanungsamt) den Worten von Eberhard Schwarz.

 Manch einer mag sich in diesem Moment gefragt haben, was diese gesellschaftliche Betrachtung mit der Pflanzung von gut 30 neuen Bäumen im Hospitalviertel zu tun hat. Die Antwort auf die stille Frage lieferte Schwarz prompt mit einer längeren Ausführung: „Für uns als Quartiersinitiative geht es dabei nicht nur – ökologisch gesehen – um das Mikroklima in der Stadtmitte; es geht nicht nur um die Aufenthaltsqualität im Hospitalviertel oder um eine punktuelle Verschönerungsaktion im Zug des Umbaus der Stadt. Für uns ist diese Baumpflanzung eine Chance, niederschwellig, auf der Ebene der persönlichen Begegnungen im Nahbereich und in der Nachbarschaft, Beziehungen zu stärken, den Gemeinsinn zu wecken und langfristig dem öffentlichen Raum ein menschenfreundliches Gesicht zu geben. Friedensarbeit, Heilung von sozialen Verwerfungen, Veränderung von Urteilen und Vorurteilen beginnen in der persönlichen Begegnung, also im Nahbereich. Dazu sollen die Pflanzung der Bäume und alle damit verbundenen Aktionen einen Beitrag leisten.“

Wie schwer es in der heutigen Zeit ist, Projekte gleich jedweder Art umzusetzen, zeigte Claudia Dugandzic in ihrer Präsentation. Denn nicht nur Mega-Projekte, wie S21 oder die Renovierung der Staatsoper, erfordern extreme Abstimmungsprozesse. Konkret: Für das Projekt „Neue Bäume“ müssen das Amt für Stadtplanung und Wohnen, das Tiefbauamt, die Stadtentwässerung, das Amt für öffentliche Ordnung, das Referat Strategische Planung und Nachhaltige Mobilität sowie Stuttgarter Netze, Netze BW und die Telekom ihre jeweilige und ausführliche Zustimmung geben.

Daher ist auch noch nicht klar, wann genau die Bäume gepflanzt werden. Sicher ist nur, dass die Pflanzung im Jahr 2025 realisiert wird. „Spätestens Ende 2025 soll es gelingen“, sagte Claudia Dugandzic. Zudem erläuterte sie, dass die Pflanzungen in mehreren Bauabschnitten umgesetzt werden, damit der Verkehrsfluss im Viertel während der Arbeiten gewährleistet sei. Die Gesamtkosten der Baumaßnahme belaufen sich (einschließlich Nebenkosten) auf etwa 650 000 Euro brutto, was pro Baumquartier rund 19 000 Euro entspricht. Es seien Straßenbäume von solchen Arten ausgewählt worden, mit denen man in anderen deutschen Städten gute Erfahrungen gemacht habe, versicherte Dugandzic.

Ein zentrales Ziel der Maßnahmen sei die Schaffung von Flächen, die größere Mengen an Wasser aufnehmen und wieder abgeben können, meinte die Expertin des Gartenbauamtes. Das aufgefangene Regenwasser werde so gereinigt und dem Regenwasserkreislauf zugeführt. Das Schwammstadt-Prinzip böte laut Dugandzic eine innovative Lösung: „Den Bäumen wird unterhalb der befestigten Oberfläche in miteinander verbundenen Schotterkörpern mehr Raum gegeben. Das Substrat unter der Oberfläche funktioniert wie ein Schwamm und speichert Wasser, das den Wurzeln zur Verfügung steht und somit den Wasserabfluss bei Starkregen dämpft.“ Umgesetzt werde die Planung durch das Landschaftsarchitekturbüro Freiraum+Landschaft aus Nürtingen.

Je nach der Breite der jeweiligen Straße habe man Bäume ausgesucht, deren Kronen dem zur Verfügung stehenden Raum entsprächen, so Dugandzic. Jede betroffene Straße erhalte so ihren eigenen Charakter. Im Einzelnen seien geplant:

·         Hohe Straße: Fünf Brabanter Silberlinden. Dies ist eine Baumart, die sich aufgrund des breiten Wuchses gut für die gegebene Fläche eignet.

·         Heu- und Kienestraße: Mehrere Säulen-Ulmen.

·         Lange Straße (angrenzend an Leuschnerstraße): Drei Säulen-Hainbuchen. Aufgrund der engen Straßenverhältnisse wurde hier ein säulenförmiger Wuchs gewählt.

·         Firnhaberstraße (Jugendgeländespielplatz): elf Kegel-Feldahorn-Bäume. Diese Baumart bietet besonders im Herbst attraktive Farbspiele.

·         Gymnasiumstraße: Vier Chinesische Wildbirnen. Diese Auswahl sorgt für eine bunte Mischung.

·         Gymnasiumstraße (angrenzend an Leuschnerstraße): Zwei Purpurerlen.

Dafür müssen im Quartier 20 der insgesamt 80 Parkplätze weichen.

 

Baumpatenschaften werden von der Stadt grundsätzlich begrüßt. Baumpaten können sich um die Bewässerung der Bäume kümmern, die Baumbeete säubern, Beschädigungen melden und Hundehalter bitten, die Hinterlassenschaften ihrer Tiere zu entsorgen. Um eine Baumpatenschaft kann man sich auf der Homepage von Pro Stuttgart (www.prostuttgart.de) bewerben.

 

Die anschließende Diskussion im großen Saal des CVJM zeigte auch, dass die Baumpflanzungen durchweg begrüßt werden. Aus dem Hospitalviertel könne Quasi ein Naherholungsgebiet werden, lautete ein Wortbeitrag. Eine Teilnehmerin, die Erfahrungen mit Baumpatenschaften hat, wies auch darauf hin, „dass man so leicht seine Nachbarn kennenlernen kann“, was zu einem besseren Miteinander führe. Allerdings benötigten laut der erfahrenen Baumpatin aus dem Stuttgarter Westen junge Bäume wöchentlich jeweils etwa 100 Liter Wasser. Das sei auch ein Kostenfaktor, denn gesammeltes Regenwasser stehe im Quartier eher nicht zur Verfügung. Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle will daher prüfen, ob der Bezirksbeirat helfen könne.

Ein weiteres Problem konnte in der Diskussion identifiziert werden: Im Herbst könnte auch das herabfallende Laub zu einer Gefahrenquelle werden. Es stelle sich die Frage, ob für dessen Beseitigung die Stadt oder die Anwohner zuständig seien. Ein weiterer Vorschlag aus der Runde: Um Hunde von den Baumbeeten fernzuhalten, könnte man dort niedrige, dekorative Metallzäune anbringen, wie sie etwa aus Frankreich bekannt seien. Problematisch könnte es für die Parkplätze im Bereich der Linden werden, da diese Läuse anzögen und deren Ausscheidungen hässliche und nicht leicht zu beseitigende Spuren auf den Autos hinterlassen.

Angesichts des Wegfalls von 20 Parkplätzen wurde aus dem Teilnehmerkreis darauf hingewiesen, dass die Parksituation für Anwohner im Quartier sich dadurch verschärfe. Denn der Anwohner-Parkausweis koste jährlich über 400 Euro, ohne dass man dafür die Garantie auf einen Parkplatz habe. Ebenso wichtig war den Teilnehmern, rechtzeitig vor Beginn der Pflanzungen informiert zu werden, um Gelegenheit zu haben, das Thema der Baumpatenschaften insbesondere bei den Schulen ins Gespräch zu bringen.

Und trotz aller (lösbaren) Probleme – in einem Punkt waren sich am Ende der Veranstaltung alle einig: Diese Maßnahmen stellen einen wichtigen Schritt zur Verbesserung des urbanen Klimas sowie zur Förderung der Biodiversität und nachhaltigen Stadtentwicklung in Stuttgart-Mitte dar. Ganz abgesehen davon, dass die gemeinsame Sorge und Pflege der Bäume die Nachbarschaft im Quartier stärkt und das soziale Klima verbessert.  

Prof. Dr. Sebastian Kurtenbach von der FH Münster

Landes-Quartierstag

Prof. Dr. Sebastian Kurtenbach von der FH Münster
Prof. Dr. Sebastian Kurtenbach von der FH Münster

Auf der Suche nach dem Dritten Raum

Im Juli strömten über 300 Teilnehmer in den Hospitalhof zum 7. Fachtag Quartiersentwicklung unter dem Motto „Auf dem Weg zur krisenfesten Gesellschaft – Welchen Beitrag kann die Quartiersentwicklung leisten?“. Quartiersaktive aus ganz Baden-Württemberg, unter anderen auch das Forum Hospitalviertel, nutzten diese Gelegenheit, um gemeinsam über die Zukunft der Quartiere zu reflektieren. Zusammengefasst: Wie die Quartiersarbeit verschiedener Initiativen und Vereine die vielfältigen Aspekte des gesellschaftlichen Zusammenhalts beeinflussen?

Eine knappe Antwort lässt sich in der Grußbotschaft des Sozialminister Manne Lucha geben: „Quartiere können einen wesentlichen Beitrag bei der Bewältigung verschiedener gesellschaftlichen Krisen leisten.“ Lucha denkt dabei an alle Formen des Extremismus oder Rassismus. Welche Krisen es auch immer seien, so Lucha: „Wir können sie nur gemeinsam bewältigen.“ Die Schlüsselfunktionen dabei sind laut Lucha: „Teilhabe und Teilgabe – in der Nachbarschaft. „Daher braucht jedes Quartier einen kostenfreien Begegnungsort.“

Das entspricht ziemlich genau der Auffassung von Forum-Vorstand Eberhard Schwarz. Er geht schon lange mit der Idee des so genannten Dritten Ortes schwanger:  Diese Idee stammt ursprünglich von dem US-amerikanischen Soziologen Ray Oldenburg. Er prägte den Begriff in den 1980er Jahren in seinem Buch „The Great Good Place“. Der Dritte Ort bezeichnet einen sozialen Treffpunkt außerhalb der eigenen Wohnung (Erster Ort) und der Arbeitsstätte (Zweiter Ort). Es ist ein Raum, in dem Menschen gemeinsam Zeit verbringen, sich austauschen, Beziehungen knüpfen und ein Gefühl der Zugehörigkeit erfahren.

„Für Quartiere in der Stadt ist die Idee des Dritten Raumes von großer Bedeutung“, sagt Eberhard Schwarz: „Diese Orte oder Räume können zu sozialen Knotenpunkten werden, an denen die Bewohner eines Viertels zusammenkommen, sich kennenlernen und Gemeinschaft erleben.“ Dritte Orte können Cafés, Parks, Bibliotheken, Gemeinschaftszentren oder lokale Geschäfte sein, die als offene und einladende Räume fungieren.

Schwarz ist sich sicher: „Indem die Quartiere Dritte Räume schaffen und fördern, tragen sie zur Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts, zur Unterstützung von sozialen Beziehungen und zur Bekämpfung von Isolation bei. Diese Räume können die Lebensqualität in Quartieren verbessern, das Gefühl der Nachbarschaftlichkeit fördern und ein Gefühl von Identität und Verbundenheit schaffen. Sie sind somit ein wichtiger Bestandteil einer lebendigen und lebenswerten Stadt.“

In seiner Keynote ging Prof. Dr. Sebastian Kurtenbach von der FH Münster auch darauf ein. In seiner inspirierenden Rede über die Potenziale nachbarschaftlicher Konstellationen als Quelle für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, betonte er die Bedeutung von Kompromissen innerhalb der Nachbarschaft – also dort, wo Menschen zusammenleben. Dort steige das gegenseitige Vertrauen, so Kurtenbach und die Bereitschaft, Kompromisse zu einem gelingenden Zusammenleben auszuhandeln. Er glaubt, dass für eine funktionierende Nachbarschaft auch das Spiel der freien Kräfte wichtig ist: „Man darf die Menschen nicht an die Hand nehmen und Dinge vorgeben. Man muss ihnen das Vertrauen geben, eigenverantwortlich Beziehungen aufzubauen.“ Und genau dazu brauche es als Basis Dritte Orte, ergänzt Eberhard Schwarz: „Dort lassen sich dann funktionierende Nachbarschaften aufbauen. Wenn man es schafft, Dritte Ort zu etablieren, können sie dazu beitragen, das soziale Gefüge und die Lebensqualität im Quartier zu stärken.“

 

Ritterschlag durch OB Nopper

OB Nopper lobt die Arbeit des Forum Hospitalviertel

Baubürgermeister Pätzold vermeidet klares Bekenntnis zum Leuschnerplätzle

Das sogenannte Leuschnerplätzle am Berliner Platz ist ein Ort von nationaler Bedeutung. Denn dort wurde vor 175 Jahren die Paulskirchenversammlung aufgelöst. Damit war dieser Platz der letzte Ort des Frankfurter Rumpfparlaments im Jahr 1849, bevor es aufgelöst wurde. Inzwischen hat das Projekt Leuschnerplatz selbst eine längere Geschichte hinter sich.  Er sollte exemplarisch für die weitere Entwicklung von Orten der Demokratiegeschichte in Stuttgart stehen und so identitätsstiftend über den lokalen Raum hinauswirken. Die weitere Entwicklung ist offen. Daher bemühte sich das Forum Hospitalviertel zuletzt bei der Einwohnerversammlung des Bezirks Mitte darum, eine passende Lösung zur Neugestaltung des Platzes und zur Erinnerung an die Historie gemeinsam mit der Stadt zu finden.

„Wir würden Ihnen gerne die Hand reichen und als Quartiersinitiative diesen Platz mitgestalten. Wir signalisieren der Stadt: Helfen sie uns diesen Platz zu entwickeln“, sagte Forum-Vorstand Eberhard Schwarz zu OB Frank Nopper (CDU) und der versammelten Bürgermeisterriege im großen Sitzungssaal des Rathauses anlässlich der Einwohnerversammlung des Stadtbezirks Mitte.

OB Frank Nopper reagierte, spontan mit einem euphorischen „Jawohl“ und übergab schließlich Baubürgermeister Peter Pätzold (Grüne) das Wort für eine dezidierte Stellungnahme. Doch Pätzold sagte lediglich: „Da ist ja auch ein Schreiben von ihnen eingegangen. Und das ist ja schon länger ein Thema.“ Ende des Vortrags. Alle, die gehofft hatten, er gehe nun konkret auf die Bitte von Eberhard Schwarz ein, wurde maßlos enttäuscht. Ungläubig blickten sich die Einwohner des Stadtbezirks Mitte an und fragten sich: Was ist das denn für eine Antwort?

Wie auch immer: Das Forum Hospitalviertel lässt trotz der unbefriedigenden Antwort nicht locker und weiß sich der Unterstützung von Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle und dem Bezirksbeirat Mitte gewiss. Zudem hofft das Forum auf den Oberbürgermeister. Denn dieser hat sich in der Einwohnerversammlung sehr wertschätzend zur 25-jährigen Arbeit des Forum geäußert: „Ein echtes Musterbeispiel für ein gelungenes Zusammenspiel von Kommunalpolitik und Bürgerbeteiligung ist die Entwicklung des Hospitalviertels. Nachdem die Verwaltung das Viertel als Sanierungsgebiet auswies, haben Anwohner, Gewerbetreibende, Kulturschaffende und der Verein Forum Hospitalviertel das Gebiet zwischen Schloss-, Fritz-Elsas- und Theodor-Heuss-Straße gemeinsam in ein durchmischtes, lebendiges und familienfreundliches Innenstadtquartier umgewandelt. Heute gibt es dort weniger Verkehr und Büros und dafür viel mehr Wohnraum, Baumpflanzungen und Freiflächen.“