Demokratie-Projekt

Forum ist Partner eines universitären Demokratie-Projektes  

Leuschnerplätzle rückt ins Bewusstsein

Das Forum Hospitalviertel ist Kooperationspartner des universitären Projektes „Zukünftige Freiheiten. Reportagen aus der postkarbonen Gesellschaft des Jahres 2049“ unter der Federführung von Dr. Elke Uhl (Internationales Zentrum für Kultur- und Technikforschung – IZKT). Bei dem Projekt wird diskutiert, wie sich der Freiheitsbegriff transformieren könnte und welche Auswirkungen dies auf unsere Gesellschaft haben könnte. Das Projekt beinhaltet die Produktion von spekulativen Dokumentarfilmen, die verschiedene Aspekte der zukünftigen Freiheit beleuchten. Studierende aus verschiedenen Hochschulen werden in einem transdisziplinären Ansatz zusammenarbeiten und mit den Bewohnern des multikulturellen Hospitalviertels in einen Dialog treten. Das Ziel ist es, die Debatte über die Zukunft der Freiheit zu konkretisieren und aus ideologischen Argumentationsmustern auszubrechen. Die Bürgerinnen und Bürger des Quartiers werden aktiv in den Prozess einbezogen und zu den öffentlichen Veranstaltungen eingeladen.

Das Projekt untersucht vor allem die vielfältigen Debatten um den Freiheitsbegriff und dessen Zukunftsfähigkeit bis zum 100. Geburtstag des Grundgesetzes im Jahr 2049. Dabei sollen Bürger, Wissenschaftler und Studierende in einen kreativen Austauschprozess eingebunden werden. Das Projekt besteht aus drei Modulen: transdisziplinäres Lehrprojekt zur Filmproduktion, Dialog mit Bürgern des Hospitalviertels in Stuttgart und Einrichtung einer temporären Freiheitswerkstatt als Begegnungsraum im „Atelier Leuschnerplätzle“.

Gerade das Leuchschnerplätzle liegt dem Forum Hospitalviertel besonders am Herzen. Denn die Leuschnerstraße mit dem sogenannten Leuschnerplätzle im Hospitalviertel gehört zu den weniger attraktiven Orten in der Stuttgarter City. Aber der Schein trügt: an der Ecke Fritz-Elsas-Straße/ Leuschnerstraße endete mit der Auflösung des nach Stuttgart geflohenen „Frankfurter Rumpfparlaments“ im 19. Jahrhundert ein bedeutendes Kapitel nationaler Demokratiegeschichte.

Nicht zuletzt deshalb entstand bereits 2014 die Idee, diesen Ort der Demokratie sichtbar zu machen. Dies könnte nun durch das IZKT-Projekt teilweise gelingen. Alte Fragen von damals können nun neu (in Interviews) gestellt werden: Wie könnte die Erinnerung an das Ereignis adäquat und gestalterisch dargestellt werden? Wer sollte sich darüber Gedanken machen? Und kann man die Geschichte des Stuttgarter „Rumpfparlaments“ an nur einem Ort erzählen, es hat ja an verschiedenen Orten getagt, bis es gewaltsam aufgelöst wurde?

Ob das gelingt, wird sich zeigen. Sicher ist indes eines: Die Filmteams greifen beim Projekt auf Ergebnisse zurück, die im Dialog mit Menschen, die oftmals nur wenig Berührungspunkte mit Wissenschaft hatten und die in einem multikulturellen Quartier – dem Hospitalviertel – leben, erarbeitet wurden. Die Einwohner des Quartiers weisen ca. 70 unterschiedliche Nationalitäten auf, 56 Prozent sind Deutsche, der Anteil der Arbeitslosen und auf Grundsicherungsleistungen Angewiesenen bei Einwohnern unter

65 Jahren liegt mehr als das Doppelte über dem Stuttgarter Mittel. Das stellt Herausforderungen an die Wissenschaftskommunikation unseres Themas, denen mit der co-kreativen Produktion und Reflexion spekulativer Dokumentarfilme begegnet wird. Um die Bewohner des Hospitalviertels in den Prozess der Konzipierung und ggf. Durchführung der Filmarbeiten einzubeziehen, wird -wie gesagt – ein temporärer Begegnungsort geschaffen: das „Atelier Leuschnerplätzle“.

Das Forum Hospitalviertel hat in diesem Projekt vor allem die Rolle des Netzwerkers. Wir werden den Machern Türen öffnen und Verbindungen schaffen. Auch zu Menschen im Quartier, die sich als Zeitzeugen an den Interviews und Filmen beteiligen wollen. Aber die Bürger des Hospitalviertels werden nicht nur in die Filmarbeit eingebunden, sondern auch zu den öffentlichen Aufführungen und Diskussionen eingeladen. Es ist zwar noch nicht spruchreif, aber tatsächlich plant das Forum Hospitalviertel parallel zum Projekt ein kleines Symposium zum Thema Demokratie. Mehr dazu und zu allen Neuigkeiten erfahren Sie hier auf unserer Web-Site, auf unserem Newsletter (Anmeldung unter https://forum-hospitalviertel.de/kontakt/) und natürlich unseren Social Media Kanälen auf Facebook und Instagram: Forum Hospitalviertel e.V. (@forum_hospitalviertel) • Instagram-Fotos und -Videos  

Lokal-Termin

Polizei froh über den Dialog mit Bürgern

Der  Lokaltermin des Forum Hospitalviertel mit Vertretern der Polizei und Bürgern aus dem Quartier
hilft beiden Seiten. Für Meldungen aus der Bürgerschaft ist die Polizei stets
dankbar: „Wir wollen immer ansprechbar sein. Rufen Sie an, wenn Ihnen etwas
auffällt!“  

Sicherheit ist (k)eine Gefühlssache. Oder? „Es gibt das
Gefühl, dass sich das Konfliktpotential in der Gesellschaft erhöht hat. Wir
alle sind vorsichtiger und ängstlicher geworden“, sagte Eberhard Schwarz,
Vorstand des Vereins Forum Hospitalviertel zur Begrüßung der Veranstaltung
„Sicherheit im Quartier“ in den Räumen des CVJM. Damit sprach Schwarz den
meisten der rund 25 Teilnehmer des Lokaltermins mit zwei Vertretern der Polizei
aus dem Herzen.

 Doch bei diesem Thema helfen letztlich nur Fakten. Die Zahl
der Delikte, die von der Polizei verfolgt werden, geben im Vergleich der Jahre
meist eine gute Einschätzung über die Sicherheitslage in der Stadt oder einem
Quartier. Mit diesen Zahlen, der sogenannten Kriminalitätsstatistik der
Polizei, lassen sich verlässliche Aussagen über die Lage machen. Allein mit dienen
Zahlen konnten Christopher Dirscherl, Leiter des Bezirksermittlungsdienstes, und
seine Kollegin Ute Jentzsch vom Referat Prävention nicht diesen. Die Zahlen für
das Jahr 2023 werden naturgemäß erst im darauffolgenden Jahr veröffentlicht. Eines
konnte der stellvertretende Leiter des Innenstadtstadtreviers jedoch schon
jetzt sagen: „Im Jahr 2018 gab es mehr Straftaten als jetzt.“

Weil Dirscherl ein alter Hase in seinem Metier ist, weiß er
genau, was er mit solchen Aussagen auslöst. Nämlich Staunen. Denn das
subjektive Sicherheitsgefühl der Bürger korreliert nicht mit der objektiven
Lage. Das mag auch der anwachsenden Informationsflut in den sozialen Medien
sowie der Boulevardisierung der Stuttgarter Tagespresse liegen. Das mediale
Geschäft mit dem Verbrechen zeigt also Wirkung bei den Menschen. Die Stadt und
ihre Bezirke werden zunehmend als unsicher und in den Abendstunden als
bedrohlich empfunden. Doch Christopher Dirscherl hält dagegen: „Auch wenn es
einen leichten Anstieg der Fälle gäbe, ist er nicht bedrohlich.“

Überdies gibt Christopher Dirscherl zu bedenken, dass die
Lage in der Innenstadt an Freitagen und Samstagen natürlich nicht zur
Verallgemeinerung diene. „Da ist Remmidemmi, da prägt die Eventszene mit viel
Publikum die Stadt. Und je mehr Leute da sind, desto mehr Kriminalität ist
möglich.“
  Doch auch hier stellt der
Polizeibeamte klar: Die Ordnungsmacht ist präsent. Ob in Uniform oder in Zivil.
Auch die Poserszene habe man im Blick. „Durch unsere Maßnahmen sind die Poser vorsichtig
geworden. Wenn die mit einem Auto kommen, das nicht zulässig ist, müssen sie
damit rechnen, dass wir es aus dem Verkehr ziehen.“

Obwohl Christopher Dirscherl mit dieser Rede und seinem
selbstsicheren Auftreten Eindruck machte, bleiben freilich dunkle Flecken in
der Stadt. Im Wortsinn und im übertragenen Sinn. Die Polizei kann nicht überall
gleichzeitig sein. Das weiß auch der erfahrene Beamte. Daher appellierte er an
die rund 40 Teilnehmer aus dem Quartier, sich selbst die Frage zu stellen: „Wo
haben wir dunkle Ecken? Und wie können wir die heller machen?“ Auch für
Vorschläge aus der Bürgerschaft sei man dankbar: „Wir wollen immer ansprechbar
sein.“

In diesem Satz liegt die Kernbotschaft von Christopher
Dirscherl, die er für diesen Abend mitbrachte: „Rufen Sie an, wenn Ihnen etwas
auffällt.“ Damit will der Beamte der Furcht entgegentreten, dass man der
Polizei nur in Notfällen anrufen dürfe: „Rufen Sie lieber eher an, als gar
nicht. Lieber einmal zu viel, als einmal zu wenig! Man muss sich keine Gedanken
machen, dass der Einsatz in Rechnung gestellt wird.“ In Notfällen empfiehlt er
die
110 zu wählen, für Fälle im
Quartier sei es auch möglich, das Revier direkt unter folgender Nummer zu
kontaktieren:
07 11/89 90 31 00. Die
Kriminalpolizeiliche Beratungsstelle (Einbruchschutz etc.) ist unter
07 11/89 90 12 30 zu erreichen.

Für den Wirt des „La Commedia“, Piero Cuna, ist das eine
gute Nachricht. Bisher hat er sich mutig selbst in Gefahr begeben, wenn dunkle
Gestalten sein Lokal ausspähten. Davon oder anderen Aktionen, die einen in
Gefahr bringen könnten, raten Jentzsch und Dirscherl ab. „Das ist unsere
Aufgabe. Deshalb ist es uns wichtig, dass wir im Dialog bleiben.“ Sowohl die
beiden Beamten als auch die Teilnehmer der Veranstaltung begrüßten daher, dass
das Forum Hospitalviertel sich um diesen Dialog zwischen Bürger und Polizei
verdient gemacht habe.

In diesem Sinne soll es nun auch weitergehen. Nicht nur mit
weiteren Veranstaltungen des Forum Hospitalviertel, auch mit dem aktiven Dialog
zur Polizei und dem Ordnungsamt der Stadt Stuttgart. Denn bei vielen Problemen
im Quartier sind Polizei oder Polizeibehörde auf die Zusammenarbeit mit
Bürgerschaft angewiesen. Ganz gleich, ob es sich um Themen der Sauberkeit und
Sicherheit oder des Straßenverkehrs handelt. Oft fehlt den Ordnungshütern
schlicht die Information über Missstände oder Probleme.

So zeigte sich Christopher Dirscherl gleichermaßen dankbar
und überrascht, als die Teilnehmer ihn auf die permanenten Verstöße gegen die
Einbahnstraßenregelung („Das wird grundsätzlich ignoriert“) in Kenntnis
setzten. „Wir schauen und das an“, versprach Dirscherl, „wir nehmen das sehr
ernst.“ Natürlich wissen die Bürger und Teilnehmer des Abends, dass diese
Absichtserklärung von Christopher Dirscherl nicht alle Probleme auf einen
Schlag löst. Aber das Versprechen, die Sorgen der Bürger ernst zu nehmen, ließ
alle Teilnehmer mit einem guten Gefühl nach Hause gehen. Und gerade beim Thema
Sicherheit ist das Gefühl bekanntermaßen eine nicht zu unterschätzende Größe. 

                                              *

Zum Thema SicherheitsgefühlVor Kurzem erhielten 50 000 Stuttgarter die Einladung,
an einer Sicherheitsstudie teilzunehmen. Diese  Untersuchung fokussiert sich
als erste ihrer Art exklusiv auf das Sicherheitsgefühl und erfasst nicht nur
Gesamtdaten für die Stadt, sondern auch auf Bezirksebene.
Die Teilnehmer wurden zufällig ausgewählt, wobei demografische Daten
und Wohnorte berücksichtigt wurden. 
Eine weitere Innovation liegt
in der
Anwendung der Methodik des Instituts für Kriminologie der
Uni Heidelberg und
des Instituts für Kriminologische
Forschung Baden-Württemberg, was einen
Vergleich mit anderen Kommunen ermöglicht.
Die Studie berücksichtigt nicht nur statistische Werte,
sondern legt auch Wert auf das subjektive Sicherheitsempfinden
der Bürger. Die Stadt ist daran interessiert, die Einschätzungen
der Menschen zu verstehen, da Orte, an denen Ängste existieren,
oft gemieden werden, was wiederum das Unsicherheitsgefühl verstärken kann.

Das Viertel soll noch grüner werden. Geplant sind 40 neue Bäume.

40 neue Bäume fürs Hospitalviertel

Forum erfährt erneut Zuspruch vom Bezirksbeirat Mitte

Das Viertel soll noch grüner werden. Geplant sind 40 neue Bäume.
Das Viertel soll noch grüner werden. Geplant sind 40 neue Bäume.

Der Bezirksbeirat Mitte  Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle unterstützen das Vorhaben der Bürgerbeteiligung beim Baumpflanzprojekt. 

Im Hospitalviertel sollen mit Beginn Frühjahr 2024 insgesamt 40 Bäume gepflanzt werden. Damit soll das Mikroklima in der Innenstadt und im Hospitalviertel  verbessert werden – und natürlich auch die Lebensqualität. Das Projekt soll aus Sicht des Forum Hospitalviertel e.V schnell und zeitnah umgesetzt werden. Das Forum wünscht sich daher, dass dieses Baumprojekt aus nachvollziehbaren Gründen (Klimawandel und Folgen) auf der Agenda der Verwaltung (Garten- und Friedhofsamt, Stadtplanungsamt, Ordnungsamt) ganz oben steht. Das Projekt soll aus Sicht des Forums auch ein Beteiligungsprojekt werden.

Breite Akzeptanz gewünscht

„Sie alle wissen, dass Baumpflanzungen gesellschaftlich nicht neutral wahrgenommen werden. Wir würden sehr gerne ein Beteiligungsprojekt im Quartier in dieser Sache starten“ erklärte Forum-Vorstand Eberhard Schwarz den Bezirksbeiräten und der Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle bei der vergangenen  Sitzung im Rathaus: „Das heißt, wir würden sehr gerne die Bewohner, Nutzer im Quartier mit einbeziehen. Aber dazu brauchen wir erstmal die Information der Ämter. Und wir würden gerne Bezirksbeirat Mitte dazugewinnen.“ Insgesamt geht es Eberhard Schwarz darum, „eine möglichst breite Akzeptanz bei allen im Viertel für das Baumprojekt zu bekommen.“ Das Forum sieht darin auch ein in Zukunft weisendes Projekt, in dem das Forum als Ansprechpartner, Moderator, Schnittstelle und Kümmerer in Abstimmung mit den jeweiligen Ämtern bürgernah wirken kann.

Stadträte signalisieren Unterstützung für einen Antrag auf Dauerförderung

Schwarz erklärte, dass der Verein schon eine ganze Menge an Erfahrung mit solchen Prozessen gesammelt habe. Zuletzt, als es um den Hospitalplatz ging. Bedeutet: Auch der Prozess der Baumpflanzungen mit all seinen Konsequenzen müsse moderiert und diskutiert werden. „Wir möchten auch bei dieser Gelegenheit darauf aufmerksam machen und den Bezirksbeirat bitten, dass Parkraumkonzept und Verkehrskonzept im Hospitalviertel noch einmal anzuschauen“, so Schwarz, „das scheint uns dringend geboten. Zuletzt haben wir anlässlich einer Veranstaltung bei der Sperrung der Theo, nochmal gemerkt, wie dramatisch das sich auch auf das Viertel auswirkt. Auch an den Wochenenden gibt´s große Veränderungen.“ Die Vorrede schloss Pfarrer Schwarz mit einem Appell an den Bezirksbeirat: „Also, erste Bitte: Helfen Sie uns, dieses Projekt auch über die Ämter, gut voran zu bringen. Zweite Bitte: Bitte unterstützen sie uns, wenn es um die Neuorganisation des Parkmodells geht und dass sage ich jetzt als ein kleines ceterum censeo: Wir freuen uns, wenn sie uns unterstützen, für den nächsten Doppelhaushalt – das sage ich jetzt an die Adresse der Stadträtinnen und Stadträte.“ Die anwesenden drei Stadträte, Laura Halding-Hoppenheit (FRaKTION), Christoph Ozasek (PULS) und Dr. Matthias Oechsner (FDP),  nickten daraufhin wohlwollend. 

Flammendes Plädoyer von Veronika Kienzle

Wie so oft in der über 20-jährigen Geschichte des Forum Hospitalviertel, so durfte sich der Verein auch in diesem Fall der Unterstützung von Veronika Kienzle gewiss sein: „Ich möchte folgendes dazu sagen“, hob die Bezirksvorsteherin zu einem flammenden Plädoyer zu Gunsten des Forum an: „Das Hospitalviertel und das Forum Hospitalviertel ist ein Erfolgskonzept und ein Erfolgsrezept. Und wir haben eigentlich dort gesehen, wie Stadtplanung und Stadtgestaltung, Hand in Hand gelingen kann, nämlich in Zusammenarbeit mit der Bürgerschaft. Ich glaube, noch beispielhafter und vorbildlicher, wie dort, kann man es überhaupt nicht gestalten. Und für die, die noch nicht so lange dabei sind: Das Hospitalviertel entstand aus der lokalen Agenda heraus – das war eine Gruppe, die sich für ihr Quartier einsetzen wollte, wo eben auch gerade, Klima, Bäume, Umwelt, Verkehrsregelung, mehr Wohnen, weniger Autos, ein angenehmeres Gestalten, wo das so in den Anfängen war, rausgekommen ist, ein wunderbares Bildungszentrum, was wirklich ein Herzstück der Landeshauptstadt ist, wie wichtige Leute auftreten, in dem gute Diskussionen stattfinden, indem auch kontrovers diskutiert werden kann und ein öffentlicher Raum, der sich wirklich sehen lassen kann, wer noch weiß, wie es früher aussah.“

Kienzle fordert Dauerförderung fürs Forum Hospitalviertel

Dann wurde Veronika Kienzle kurz still und ergänzte mit ernster Miene: „Aber das wir das nicht, wie man es in der Jugendsprache sagt, für umme haben kann, sondern dass es da auch eine Finanzierung für ein Betriebsbüro braucht, das ist doch absolut selbstverständlich und selbstredend. Und da würde ich gerne diesen Appell an den Gemeinderat, nochmal gerne zu Protokoll geben und an sie richten: Wir brauchen für solche Projekte eine dauerhafte Begleitung und die muss natürlich zusammen mit der Bürgerschaft sein, sonst wird es nicht gelingen. Sonst wird man immer etwas von außen, hineininszenieren und die Bürger müssen damit zurechtkommen. Wir müssen eine Verbindlichkeit, während der Entwicklung schaffen – nur so wird ein Schuh draus und genau das ist dort geschehen. Insofern wäre die herzliche Bitte, dass man so einen Betrag, der ja wirklich überschaubar ist, dass man so etwas so einrichtet, dass man nicht alle zwei Jahre als Bittsteller wieder vorstellig werden muss.“

Das Schlusswort zum Tagesordnungspunkt hatte jedoch Bezirksbeirat Heinrich Huth (SPD): „Ich verfolge das jetzt auch schon einige Jahre mit, dass wir das Forum im Hospitalviertel dabei unterstützen. Ich finde, man nennt sowas Quartiersmanagement und es wird immer so getan, als müsste man das neu erfinden und erbetteln. Es muss irgendwann die Erkenntnis in der Stadtverwaltung geben, dass es ein Quartiersmanagement generell geben sollte. Und deswegen stehen dem Forum Hospitalviertel Mittel einfach zu. Das würde ich mir als selbstverständlich in Stuttgart wünschen.“

Die Zukunft der VHS

Forum-Vorstand bittet OB Frank Nopper um Hilfe

Im Immobilienbrief von Frank Peter Unterreiner ist es nur eine kleine Notiz unter der Überschrift „Stadtreparatur in der Hospitalstraße“. Ein Euphemismus. Denn von Stadtreparatur kann in diesem Zusammenhang keine Rede sein. Im Hospitalviertel hat tatsächlich Reparatur im Sinne einer echten Quartiersentwicklung stattgefunden. Zuletzt hat das Forum Hospitalviertel zusammen mit dem Stadtplanungsamt und vielen Gästen die Fertigstellung eines weiteren Meilensteins der Sanierungsmaßnahmen gefeiert. Das Setzen des Schlusssteins am Synagogenvorplatz soll Mitte 2025 gesetzt werden.

Nun haben sich die Vorzeichen aber verändert. Die Stadtverwaltung plant nun nicht mehr mit der VHS samt Veranstaltungsräumen an diesem Platz. Stattdessen soll ein sechsstöckiges Hauptgebäude, wo einst die GWG-Gruppe ihren Sitz in der Hospitalstraße 33 hatte, als ein schnödes Bürogebäude genutzt werden. Im Erdgeschoss sollen statt der VHS nun „auf 600 Quadratmeter Laden- oder Dienstleistungsflächen entstehen, darüber Büros und Praxen, zusammen etwa 4350 Quadratmeter Mietfläche“, wie der „Immobilienbrief“ berichtet.

Aus Sicht des Forum Hospitalviertel wäre diese Form der Nutzung ein Fehler. Aus diesem Grund hat sich der Vorstand in einem Brief direkt an Oberbürgermeister Frank Nopper und den zuständigen Fachbürgermeister Fuhrmann gewandt. Zudem hat Vorstandsmitglied Eberhard Schwarz auch an die Fraktionen des Gemeinderats Stuttgart geschrieben. Der Brief, der auch an die Stuttgarter Presse ging, hat folgenden Wortlaut und drückt die Sorge des Forum Hospitalviertel aus:

Betreff: Ansiedlung der Volkshochschule Stuttgart im Gebäude Hospitalstraße 33

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Dr. Nopper, sehr geehrter Herr Bürgermeister Fuhrmann,

sehr geehrte Damen und Herren in den Gemeinderatsfraktionen,

das Forum Hospitalviertel e.V. setzt sich seit über 20 Jahren als Anwalt der Bürgerschaft für die Belange im Quartier ein. Fast ebenso lange sind wir Partner der Landeshauptstadt bei der Sanierung des Viertels, zuletzt bei der Umgestaltung der Hospitalstraße und des Platzes vor der Synagoge.

Zu den wichtigen städtebaulichen Maßnahmen gehören auch Umbau und Neuausrichtung des Gebäudes Hospitalstraße 33. Seit Monaten laufen Bemühungen, dort die Volkshochschule anzusiedeln – eine einzigartige Maßnahme, die nicht nur das jüdische Leben, sondern auch im Bildungskontext des Quartiers neu positioniert. Denn nach den ursprünglichen Planungen wäre so eine wichtige Bildungsachse vom Treffpunkt Rotebühlplatz ausgehend über den neuen VHS-Sitz bis hin zum Hospitalhof entstanden. Auch für die VHS selbst ist Verortung nahe des Treffpunkt Rotebühlplatz von großer Bedeutung. Man könnte beinahe sagen, es handle sich um eine Schicksalsfrage. Ganz sicher aber ist: Es ist eine Zukunftsfrage der VHS als wichtige Bildungseinrichtung der Stadt im Herzen von Stuttgart.    

Jetzt haben wir erfahren, dass dies von der Stadtverwaltung – Federführung Referat WFW – nicht weiterverfolgt werden soll. Wir würden gerne erfahren, welche Gründe für diese Position stehen. Wir haben uns damit an das Referat WFB gewandt.

Das Forum Hospitalviertel würde es sehr begrüßen, wenn die Stadt ihre Position überdenken und doch noch eine Entscheidung für die Volkshochschule an diesem Standort treffen würde. Eine Entscheidung für die Volkshochschule würde die große Chance bieten, mit einer öffentlichen Nutzung am Platz vor der Synagoge zur Lebendigkeit des Standorts und des gesamten Viertels beizutragen. Damit wäre auch ein wesentliches Ziel der Sanierung erreicht. Mit dem Standort direkt gegenüber der Synagoge könnte das jüdische Leben im Viertel und in der gesamten Stadt gestärkt werden. Nach unserer Meinung handelt es sich nicht nur um finanzielle, sondern wesentlich auch um gesamtstädtische Erwägungen.

Wir bitten, dass Sie sich auf politischer Ebene für unser Anliegen einsetzen und darauf hinwirken, dass die Verwaltung die jetzige Entscheidung gegen die Volkshochschule überdenk und sie in dem von uns genannten Sinne weiterführt.


Quartiersentwicklung

StZ-Redakteurin Adrienne Braun mit Sozialminister Manne Lucha

Hohe Aufenthaltsqualität im Hospitalviertel

„Des is a unheimlich lauschige, chillige Atmosphäre, i könnt mi hier aflechze“, meinte Sozialminister Manne Lucha zum Ende des 6. Landesfachtages Quartiersentwicklung im Hospitalhof. Dass sich der Landesminister im Rosengarten des Hospitalhofs und im Quartier so wohl fühlt, hat viele Gründe. Aber einer liegt genau im Motto des Fachtages. „Gemeinsam. Gestalten – Vernetzung, Austausch, Inspiration.“ Also genau den Grundpfeilern des Forum Hospitalviertel, die den Verein tragen. So erlebten die Teilnehmer des Fachtages, die die Arbeit des Forums aufmerksam begleiten, oft ein Deja vu. Denn das Forum Hospitalviertel ist seit über 20 Jahren in der Quartiersentwicklung aktiv – und sorgt damit für eine sehr hohe Aufenthaltsqualität im Viertel. 

Die Landesstrategie „Quartier 2030 – Gemeinsam. Gestalten.“ fußt auf den Handlungsempfehlungen der Enquetekommission, die sich von 2014 bis 2016 dem Thema „Pflege in Baden-Württemberg zukunftsorientiert und generationengerecht gestalten“ widmete. Die Enquete-Kommission sah in Quartierskonzepten große Potenziale, um Menschen mit Unterstützungs- und Pflegebedarf eine integrierende, lebensstilorientierte Versorgung zu bieten. Als zentraler Auftrag an die Landesregierung wird festgehalten, die alters- und generationengerechte Quartiersentwicklung zu fördern, welche die Voraussetzungen für ein möglichst langes selbstbestimmtes Leben schafft.

Geblieben ist der Ansatz, Gemeinden, Landkreise sowie zivilgesellschaftliche Akteure bei der alters- und generationengerechten Quartiersentwicklung zu unterstützen. Ziel ist es, lebendige Quartiere für alle Generationen zu gestalten – also Nachbarschaften, Stadtteile und Dörfer, in die Menschen sich einbringen, Verantwortung übernehmen und sich gegenseitig unterstützen. Quartiersentwicklung ist in einem ganzheitlichen Sinne zu verstehen und geht über städtebauliche Maßnahmen hinaus: Dazu gehören bedarfsgerechte Wohn- und Nahversorgungsangebote und eine wohnortnahe Beratung, Begegnungsorte, eine tragende soziale Infrastruktur, eine gesundheitsförderliche Umgebung und ein wertschätzendes, von bürgerschaftlichem Engagement getragenes gesellschaftliches Umfeld.

Womit wieder wichtige Punkte der Forums-Arbeit genannt sind. Nicht ohne Stolz blickte Forum-Vorstand Eberhard Schwarz daher im Vorbeigehen auf die Veranstaltung im Hospitalhof, wo auch sein Büro als Pfarrer der Hospitalkirche ist.  Landesweite, überregionale Treffen, bei denen sich Akteure bürgerschaftlichen Engagements begegnen und vernetzen können, sind von großer Bedeutung. So reift eine neue Kultur der Zivilgesellschaft“, sagt Schwarz.            

Einweihung Hospitalstraße

"Heilung einer zerissenen Stadtsituation"

Kleines Fest, große Wirkung. Großes Fest, noch größere
Wirkung. So feierte das Forum Hospitalviertel mit Mitgliedern und Freunden
zuletzt per Mini-Hocketse den vorläufigen Abschluss der Bauarbeiten im
Sanierungsgebiet. Und im Jahr 2025 wird groß gefeiert. Dann nämlich soll der
Synagogenvorplatz fertig sein – „das Herzstück dieser Umgestaltung“, wie es Martin
Holch vom Stadtplanungsamt nannte. Das verbindende Element bei allen Festen ist
jedoch das, was sich das Forum auf die Fahnen geschrieben hat: Menschen
zusammenbringen, gemeinsam im Sinne des Viertels agieren. Dieser Geist war auch
bei der Mini-Hocketse vor dem Rupert-Mayer-Haus zu spüren, zu der die Stadt
Stuttgart und das Forum Hospitalviertel eingeladen hatte.

Gekommen sind tatsächlich wieder viele Menschen aus verschiedenen
Bereichen. Zuvorderst auch die Bauleute der Firma Julius Bach, die den ersten Sanierungsabschnitt
vollendet hatte. Aber auch die Stadtverwaltung inklusive der Bezirksvorsteherin
Mitte, Veronika Kienzle, oder Bezirksbeirat Wolfgang Kaemmer (Grüne) und Monika
Renninger vom Hospitalhof sowie Elke Uhl von der Universität Stuttgart. Nicht
zuletzt war die jüdische Gemeinde durch Susanne Jakubowski und Lars Neuberger
vertreten.

Alle genossen nicht nur die nachbarschaftliche Atmosphäre bei
Speis und Trank, sie wurden freilich auch mit geistiger Nahrung versorgt. Wer
versteht sich darauf besser als Pfarrer und Forum-Vorstand Eberhard Schwarz. „Wir
haben es hier mit der Heiligung einer zerrissenen Stadtsituation zu tun. Wir
sind Schritt für Schritt dabei, dieses Viertel zu reparieren“, sagte Schwarz in
seiner Begrüßung. Gleichzeit nannte er die Beteiligung aller an dieser Arbeit
einen „therapeutischen Prozess“ fürs Viertel und seine Menschen. Konkret meint
er damit, das Miteinander-Unterwegs-Sein, die Stärkung der Nachbarschaft und
das gegenseitige Wahrnehmen.  

Den geschichtlichen Kontext stellte anschließend Martin
Holch her: „Auslöser für das Projekt war ursprünglich die Erkenntnis, dass wir
für den Bereich vor der Synagoge unbedingt etwas machen müssen. Das hat auch die
Israelitische Religionsgemeinschaft so gesehen, und auch das Forum
Hospitalviertel. Denn das Straßenbild entsprach in keiner Weise der Bedeutung,
die dieser Ort für die Stadt hat.“ Dann aber stellte sich im Jahr 2015 laut
Holch die Frage: „Wie muss man mit diesem geschichtlich so schwerwiegenden oder
auch schwer beladenen Stück Stuttgart umgehen?“ Die Antwort lieferte ein kleiner
Planungswettbewerb für die Umgestaltung: „Expressionistisch und aufgesplittert.
Hübsch und beschaulich.“ Im Preisgericht saßen damals auch das Forum
Hospitalviertel und die israelitische Religionsgemeinschaft. Gewonnen hat
schließlich der Architekt Joseph Abiry. „Aber ich will dessen Vorschlag nicht
vorgreifen“, sagte Martin Holch abschließend nicht ohne Humor, „2025 können wir
dann den Platz direkt vor der Synagoge einweihen. Ich sage dann in zwei Jahren
das Gleiche von heute nochmal, das haben Sie bis dahin vergessen.“

 

Neuer Verein Muslimischer Begegnungs- und Gebetsraum gegründet


Im Hospitalhof atmet gelebte Interreligiösität

Es ist gegründet! Am 14. Juni 2023 fand im Hospitalhof die Gründungssitzung des Vereins Muslimischer Begegnungs- und Gebetsraum Stuttgart statt. 22 Gründungsmitglieder hatten sich versammelt. Es war der Höhepunkt eines mehrjährigen Prozesses, der von der Landeshauptstadt Stuttgart – Abteilung Integrationspolitik- und dem Forum Hospitalviertel e.V. begleitet wurde.

Eines vorweg: Es war eine harmonische Veranstaltung in angenehmer Atmosphäre im Hospitalhof und dessen Rosengarten. Und obwohl nun erst der formale Akt der Gründung vollzogen ist, atmete dieser Tag bereits eine gelebte Interreligiösität. Das wurde 15 Minuten vor dem Beginn der Sitzung deutlich. Christoph Hölscher, Vorstand des Forums, wurde von den muslimischen Freunden gebeten, einen Raum zum Gebet zur Verfügung zu stellen. Man wolle niemanden stören, meinten die Teilnehmer respektvoll. „Da habe ich die Hospitalkirche angeboten“, sagt Hölscher, „wenn es für Sie kein Problem sei. War es nicht. Im Gegenteil. Und dann haben fast 20 Moslems und Muslima in der Kirche ihr Gebet verrichtet. Gott wird es nicht gestört haben und ich denke, das durfte ich, ist ja auch meine Kirche.“

Zum Hintergrund: In der Stuttgarter Stadtmitte wohnen und arbeiten zahlreiche Muslime. Stuttgart ist auch Ziel muslimischer Besucher aus aller Welt. Bei vielen von ihnen besteht das Bedürfnis, ihre Religion auch im Zentrum Stuttgarts zu leben und sich mit Angehörigen anderer Religionen auszutauschen. Es gibt zwar an etlichen Orten in Stuttgart Moscheen, Versammlungsstätten und muslimische Gebetsräume. Diese liegen aber nicht im Stadtzentrum oder stehen nicht für jeden Angehörigen des Islam offen. Verschiedene muslimische Gruppen vermissen daher in der Stuttgarter Innenstadt einen Ort der kulturellen und interreligiösen Begegnung, des Austauschs und der Religionsausübung. Für die Zivilgesellschaft kann es ein wichtiger Ort der Begegnung und ein Schaufenster muslimischen Lebens in Stuttgart sein.

Dabei kam das Hospitalviertel in den Fokus. Denn Architekturstudierende der Universität Stuttgart hatten im Jahr 2019 im Rahmen einer Abschlussprüfung die Aufgabe, Pläne und Modelle eines solchen muslimischen Begegnungs- und Gebetsraums zu entwerfen und dabei ein bestimmtes topographisch anspruchsvolles Grundstück im Hospitalviertel gedanklich als Bauplatz zugrunde zu legen. In der Folgezeit haben sich Vertreterinnen und Vertreter verschiedener muslimischer Gruppen auf der Suche nach Räumlichkeiten für Konzeptionsbesprechungen an das Forum Hospitalviertel gewandt und durch Vermittlung von Eberhard Schwarz mehrmals einen Saal im Hospitalhof zur Verfügung gestellt bekommen. Eberhard Schwarz und Christoph Hölscher haben an den Sitzungen beratend teilgenommen. „In den 20 Jahren des Bestehens unseres Vereins haben wir viele Erfahrungen gesammelt in Fragen der Kooperation mit verschiedensten Akteuren und sind gerne bereit, unser Wissen mit Initiativen zu teilen, die das Ziel der Gemeinnützigkeit haben“, sagt Schwarz.

Das Hospitalviertel beheimatet – historisch gewachsen – unterschiedliche christliche Gemeinschaften und konfessionelle Einrichtungen und ist mit dem Ort der Synagoge Zentrum der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs. Von daher ist der Gedanke, hier auch einen muslimischen Begegnungs- und Gebetsraum zu schaffen, auf den ersten Blick nahe liegend. Er kann zur Verständigung und zum besseren gegenseitigen Verständnis der Religionen beitragen, ein Ziel, dem sich auch das Forum Hospitalviertel e.V. verpflichtet sieht.

Zweck des nun gegründeten Vereins ist die Förderung der muslimischen Religionsausübung und des interreligiösen Austauschs. Hierfür soll ein Ort der deutschsprachigen Begegnung, des Austauschs und des gegenseitigen Verständnisses geschaffen und die Sichtbarkeit des muslimischen Lebens in Stuttgart in seiner ganzen Vielfalt gefördert werden. Außerdem soll die Begegnung im interreligiösen Sinne zwischen allen Weltreligionen und im intermuslimischen Sinne zwischen allen unterschiedlichen Lehren und Strömungen des Islams im Mittelpunkt stehen.

Die am 14. Juni 2023 beschlossene Satzung ist wegen der Anerkennung der Gemeinnützigkeit mit dem Finanzamt im Vorfeld abgestimmt worden. Sie wird dem Registergericht vorgelegt und der Verein wird dann als solcher eingetragen (e.V).

Das ist der Anfang der eigentlichen Arbeit: die Suche nach finanzieller Förderung, die Suche nach geeigneten Räumlichkeiten, deren Ausgestaltung und insbesondere deren Nutzung im Sinne des Vereinszwecks.

„Wie ich gehört habe, ist die Initiative in Deutschland einzigartig“, sagt „Geburtshelfer“ Hölscher nicht ohne Stolz: „Angehörige unterschiedlicher Strömungen des Islams schaffen gemeinsam einen Ort, der allen Muslimen zum Gebet offen steht und dem friedlichen Gedankenaustausch über alle Religionsgrenzen hinweg dient.“

Lob vom Bezirksbeirat

"Das Forum hat das Quartier zum Leuchten gebracht"

Die Sache hat inzwischen Tradition: Eberhard Schwarz erntet im Bezirksbeirat Mitte nach seinem Bericht über die Arbeit des Forum Hospitalviertel regelmäßig Lob und Anerkennung über alle Parteigrenzen hinweg. Auch in diesem Jahr löste der Jahresbericht begeisterte Reaktionen aus. So fühlte sich etwa Heinrich Huth (SPD/Vorstand des Vereins Leonhardvorstadt) mit dem Wirken und dem Ergebnis der Forum-Arbeit „metaphysisch verbunden“. „Hier geht es um die Arbeit, Menschen zu gewinnen, damit sie sich mit ihrem Viertel identifizieren“. Dieses Wirken sei so wertvoll, meinte Huth weiter, dass die Förderung des Forum Hospitalviertel eigentlich automatisch geschehen sollte und nicht alle zwei Jahre beantragt werden müsse. „Denn das Forum nimmt der Stadt viel Arbeit ab“, sagte Huth weiter.

Damit meinte er auch die Arbeit der Polizei. Die stellt in der jüngsten Kriminalstatistik für Mitte manchen Plätzen oder Straßen ein extrem schlechtes Zeugnis aus. Ganz anders sei die Situation laut Innenstadt-Revierleiter Jens Rügner im Hospitalviertel. Hier ist die Sicherheit der Bürger und Gewerbetreibenden im Vergleich zu anderen Quartieren extrem hoch, wie die Straftatenentwicklung zeigt: Zählte die Polizei im Jahr 2018 noch 184 Straftaten, so waren es im vergangenen Jahr nur 96. Von so einer Entwicklung können andere Viertel nur träumen. Für Heinrich Huth sei dieser positive Trend bei der Kriminalstatistik auch der formidablen Arbeit des Forum Hospitalviertel zuzuschreiben: „Durch Sie ist man achtsam und aufmerksam im Quartier, man identifiziert sich.“  

„Eine funktionierende Stadt, in der Menschen gut zusammenleben.“  

Dem großen Lob schlossen sich alle an. Cornelius Hummel (FDP) meinte, das „Forum hat das Quartier zum Leuchten gebracht“. Christa Bauer (Grüne) ergänzte: „Was Sie da gezaubert haben – unglaublich.“ Und Klaus Wenk (CDU) fand es gar „betrüblich und schade“, dass es das Forum noch nicht zu einer institutionellen Förderung gebracht habe. Daher wolle er sich nun in seiner Gemeinderatsfraktion persönlich dafür stark machen. Die Argumente aller Bezirksbeiräte samt der Meinung von Klaus  Wenk dürften dem CDU-Fraktionsvorsitzenden Alexander Kotz einleuchten: „Es ist immer wieder schön, mit welchem Engagement, Sie diesem Viertel Leben einhauchen.“ Noch schöner sei, dass die Früchte dieser Arbeit weit über das Hospitalviertel hinausstrahlen.

Zuletzt ließ es sich auch Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle nicht nehmen, Eberhard Schwarz und seinem anwesenden Vorstand den Ritterschlag zu verleihen: „Die Arbeit bei der Quartiersarbeit hört, wie bei der Integration nie auf. Dazu braucht es Teilhabe und Teilgabe. Hier ist etwas entstanden, was in der Stadt am besten funktioniert.“ Denn genau das wolle schließlich jeder, so Kienzle mit Verweis auf Brennpunktviertel in Stuttgart: „Eine funktionierende Stadt, in der Menschen gut zusammenleben.“  

Die Basis dafür ist laut Eberhard Schwarz „Vertrauen“ aufzubauen: „Zusammenhalt muss gemacht werden. Er kommt nicht von selbst. Gerade in einer Stadtgesellschaft, die in einem wahnsinnigen Umbruch steckt.“ Weiter sagte der Pfarrer der Hospital- und Leonhardskirche: „Wir versuchen daher an derselben Baustelle zu arbeiten wie der Bezirksbeirat Mitte.“ Im Rückblick auf die 20-jährige Vereinsgeschichte und den aktuellen Entwicklungen in der Stadt stellte Schwarz zudem fest: „Jedes Quartier braucht eigene Antworten.“ Auch wenn das Viertel derzeit eine Blüte erlebe und wohl das sicherste in der Stadt sei, so befinde man sich nicht auf der Insel der Glückseligen. Durch die Angebote der Evangelischen Gesellschaft (eva) sei man beispielsweise auch mit viel Armut konfrontiert. „Aber irgendwie gelingt es uns immer, mit vielen Augen draufzuschauen, uns nachbarschaftlich zu verbinden und mit allen im Quartier im Gespräch zu bleiben.“

Kritik an Stuttgarter Zeitungen

Es war das Stichwort: Im Gespräch bleiben, an Gesprächen teilnehmen. Genau das sei in der Stadt vielen Menschen nicht mehr möglich. Als einen Grund für die gestörte Sender-Empfänger-Situation identifizierte Schwarz die Stuttgarter Tageszeitungen und deren Rückzug aus der politisch-kulturellen Berichterstattung: „Was hat das für Konsequenzen für die Stadt und ihre Menschen, wenn uns die Presse nicht mehr wahrnimmt?“ Mit „uns“ meinte er freilich auch all die Engagierten in den Bezirksbeiräten, der Vereine und Initiativen. Für alle sei es von großer Bedeutung, die jeweilige Arbeit sichtbar zu machen, im Gespräch zu bleiben und dadurch zu weiteren Dialogen anzuregen. Schwarz kündigte an, bei diesem Thema nicht locker zu lassen. Denn dies sei ein wichtiges Demokratiethema. Und damit hat er elegant den Bogen zurück ins Quartier geschlagen: „Für das Miteinander im Quartier brauchen wir Foren, wo die Leute ihre Meinung sagen können, nachdenken können und ihrer Wut freien Lauf lassen können.“ Solche Räume finde man bei Forum-Projekten, wie etwa das Ethik-Café, die Nachbarschaftsgespräche oder die Stadtteilführungen.

In der Zukunft wolle der Verein zudem das Thema soziale Quartiersentwicklung in den Fokus nehmen. „Dazu braucht es ein Gesamtkonzept, das im Nahraum nachhaltig wirkt“, sagte Schwarz und stellte den Räten die Frage: „Was ist der Kitt der Stadtgesellschaft?“ Die Antwort lieferte er freilich prompt hinterher: „Wir sind es! Menschen, die Verantwortung übernehmen. Bezirksbeiräte oder Mitglieder im Forum Hospitalviertel.“ Allerdings, so endete Schwarz nicht ohne Pathos: „Ohne die kommunale Förderung wären wir schon lange nicht mehr da.“

Diese Vorlage nahm Veronika Kienzle dankbar auf und gab den Ball an die Bürgermeister der Stadt weiter: „Wir haben weder unter Baubürgermeister Hahn noch unter seinem Nachfolger Pätzold eine dauerhafte Förderung hinbekommen, vielleicht klappt es nun mit dem Finanz- oder Sozialbürgermeister.“ Veronika Kienzle plädiert sogar dafür, die Fördersumme auf bis zu 30 000 Euro pro Jahr anzuheben: „Das wäre nicht zu viel und vollkommen angemessen.“         

Mitglieder des Vorstands (v. li.): Christoph Hölscher, Eleonore Bauer und Klaus Böhringer.

Konzepte gegen die Einsamkeit

"Für den neu gestalteten Straßenabschnitt der Hospitalstraße zwischen Fritz-Elsas-Straße und Gymnasiumstraße wird im Juni Richtfest gefeiert und zu einer Hocketse eingeladen. Das bindet die Leute", sagt Vorstandsmitglied Achim Weiler..

Eberhard Schwarz: "Nur noch reale Begegnungen schaffen Verbindung"

Quo vadis Innenstadt? Wohin steuern die Quartiere? Und welche Konzepte greifen gegen die drohende Vereinsamung der Stadtmenschen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich der Fachtag Quartiersentwicklung, bei dem das Forum Hospitalviertel vertreten ist und seit vielen Jahren selbst gute Ansätze zeigt.

Wohin steuern die Innendstädte? Was passiert mit den Quartieren ohne aktive Entwicklung? Was macht das mit den Menschen? Das Drohszenario wird dabei gerne mit dem Begriff der Verödung beschrieben. Daher veranstaltet OB Frank Nopper regelmäßig so genannte City-Gipfel. Aber auch das Land Baden-Württemberg ist an einer positiven Entwicklung der Quartiere interessiert. „Denn die Begegnung im öffentlichen Raum betrifft uns alle“, wie Staatssekretärin Ute Leidig zu Beginn des landesweiten Fachtag Quartiersentwicklung mit Beteiligung des Forum Hospitalviertel sagte und mit der zentralen Frage in die Veranstaltung führte: „Wie kann es gelingen, dass Orte zum Verweilen einladen, wie können wir sie gestalten, dass sie für alle Altersgruppen zugänglich sind.“

Immer wenn von allen Bürgern einer Stadtgesellschaft die Rede ist, sind oft vor allem ältere Menschen angesprochen. Denn sie seien oft von Einsamkeit betroffen. Daher ist für die Staatssekretärin wichtig, „alters- und generationsgerechte Quartiere“ zu entwickeln. Ein Thema, dem sich Susanne Bücker von der Deutschen Sporthochschule in Köln verschrieben hat. Ihr Vortrag des Fachtags „Wenn Begegnungen fehlen – Einsamkeit und ihre Folgen“ bündelte die (weltweite) Problematik sehr gut. Denn weltweit leben 330 Millionen Menschen ohne soziale Interaktion. Und hiervon sind nicht nur ältere Menschen betroffen. Das Phänomen hat offenbar seine Ursachen in der Digitalisierung. Die sozialen Medien haben offensichtlich einen erheblichen Anteil an der Vereinsamung.

Auch soziale Medien machen einsam

 „Eine Theorie besagt, wenn du mehr Zeit mit sozialen Medien verbringst, triffst du dich weniger mit Menschen. Du magst vielleicht nicht isoliert sein, doch du fühlst dich einsamer. Du fängst an, die Beziehungen, die Menschen haben, auszumalen und dir vorzustellen, dass sie besser sind, als sie tatsächlich sind. Wenn du dich dann mit Menschen triffst, werden deine Erwartungen regelmäßig enttäuscht, weshalb du weniger Zeit mit Menschen verbringst und vereinsamst“, sagt Jon Clifton, Chef des US-Meinungsforschungsinstituts Gallup.

Bei der Entwicklung der sozialen Medien und ihrer Nutzung sind Kommunen eher in der Zuschauerrolle. Aber durch die Stadtplanung sowie der aktiven Arbeit von Initiativen oder Vereinen, wie dem Forum Hospitalviertel, kann man der drohenden Vereinsamung etwas entgegensetzen. „Denn einer von zehn Menschen ist heute von Einsamkeit betroffen“, sagt Bücker. Wichtig dabei sei es dabei zunächst die Risikogruppen zu identifizieren, wie die Juniorprofessorin meint. Sie hat bei ihrer Forschung fünf Gruppen ausgemacht:

1.    Empfänger von Sozialleistungen/Menschen mit geringem Einkommen

2.    Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen

3.    Menschen mit Migrationsgeschichte

4.    Menschen mit psychischen Störungen

5.    Menschen in Pflegeeinrichtungen       

Die gesundheitlichen Folgen des Stigma Einsamkeit und der Verlust einer gesellschaftlichen Rolle seien sehr bedeutsam. Nicht zuletzt würde Einsamkeit auch zu einer höheren Sterblichkeitsrate führen. Mindestens genauso wichtig seien jedoch die sozialen Folgen: „Einsamkeit bedroht unsere Gesellschaft“, sagt Bücker. Sie habe demokratiegefährdende Tendenzen. Denn die soziale Abkopplung führe zu einem Rückgang des politischen und sozialen Engagements und des wahrgenommenen Zusammenhalts.    

Blaue Stühle setzen Maßstäbe   

Was also kann die (Lokal-)Politik konkret gegen die Vereinsamung tun. Auch hier hat Bücker eine Reihe an Vorschlägen. Sie unterteilt die Maßnahmen in vier Bereiche:

Gesundheit: Die Sensibilisierung von (Haus-)Ärzten für Einsamkeit, Unterstützung von Risikogruppen

(z. B. pflegende Angehörige), WLAN-Zugang in Pflegeeinrichtungen, Anpassung der Bedarfsplanung für Psychotherapeuten

 

Infrastruktur: Inklusiver und bezahlbarer ÖPNV, Platzierung von Sitzgelegenheiten auf öffentlichem Räumen, wie etwa die Blauen Stühle im Hospitalviertel oder dem Fußweg zur nächsten Bus-/Bahnstation.

 

Bildung: Berücksichtigung sozialer Beziehungen und Einsamkeit im Gesundheitscurriculum,

Nutzung öffentlicher Schulen für soziale Räume in den Abendstunden und/oder am Wochenende.

 

Wohnen: Bezahlbarer Wohnraum für alle Personengruppen, Ausbalancierung von privatem und öffentlichem Raum.

 

Die fünf geschäftsführenden Vorstände des Forum Hospitalviertel, Achim Weiler, Margarete Müller, Christoph Hölscher, Klaus Böhringer und Eberhard Schwarz sehen im Kampf gegen die Einsamkeit jedoch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Und damit auch als Aufgabe für das Forum selbst. Begegnungsräume im Quartier haben daher für das Forum seit je her einen wichtigen Stellenwert. Denn sie ermöglichen Teilhabe und Austausch von verschiedenen Menschen. So entstehen Gemeinschaften und ein Gemeinschaftsgefühl. Letzteres stärke schließlich den gesellschaftlichen Zusammenhalt und hebt die Lebensqualität im Quartier.

„Es fehlen Sitzbänke im öffentlichen Raum. Sie helfen gegen Einsamkeit. Auf den Bänken am Feuersee sitzen täglich viele alte Leute und unterhalten sich angeregt und genießen es – oft kennen sie sich nicht mal beim Namen, sagt Christoph Hölscher: „Aber es fehlen nicht nur Sitzbänke am Ziel eines Spaziergangs, Sitzgelegenheiten sind auch auf dem Weg dorthin im Alter von großer Bedeutung. Meine 84 Jahre alte Nachbarin kann nicht mehr in ihre geliebte Hospitalkirche zum Gottesdienst gehen, da sie die 800 m dorthin zu Fuß nicht mehr schafft. Sie wünscht sich eine Pausenbank auf halber Strecke.“ Sein Vorstandskollege Achim Weiler ergänzt: „Je mehr Sitzmöglichkeiten im öffentlichen Raum und in den Fußwegen, desto besser wird die Aufenthaltsqualität und die Gelegenheit, sich zu treffen.“ Mit Blick auf das Hospitalviertel und die Aktivitäten des Vereins Forum Hospitalviertel sagt: „Zur Lebendigkeit unseres Viertels tragen wir mit den Quartiersfesten bei, eine Gelegenheit zum sich Kennenzulernen und miteinander zu Feiern. Für den neu gestalteten Straßenabschnitt  der Hospitalstraße zwischen Fritz-Elsas-Straße und Gymnasiumstraße wird im Juni Richtfest gefeiert und zu einer Hocketse eingeladen. Das bindet die Leute. Und schafft den direkten Zugang zur Synagoge und zur jüdischen Kultur. Schön wäre ein kleiner Markt auf dem Hospitalplatz, einmal in der Woche.“

Shopping nicht mehr das zentrale Erlebnis in der Stadt

Damit stellt sich für die kommenden City-Gipfel womöglich eine ganz neue Fragestellung. Nicht alleine die legitime Frage der Wirtschaftsförderung im City-Dialog, wie man Stuttgart noch besser als innovativen Standort vermarkten könne, ist in der Zukunft bedeutsam. Es geht vielmehr auch um soziale Entwicklung der Stadt und der dazugehörenden Rahmenbedingungen ihrer Quartiere. Zumal es unterschiedliche Studien zum Thema vitale Innenstädte gibt.

So behauptet Marktforscher Boris Hedde vom IFH Köln in seiner Studie „Vitale Innenstädte“ behauptet, dass mehr als 70 Prozent der Menschen wegen des Einkaufens nach Stuttgart kommen. Dagegen kommt eine Studie der Beratungsgesellschaft Cima zu einem anderen Ergebnis: Nämlich, dass Einkaufen nicht mehr die höchste Priorität bei den Besuchern der Innenstadt genieße. Vielmehr sei Shopping eine Generationenfrage. In der Studie heißt es wörtlich: „Die Innenstadt bedarf einer Neuausrichtung. Eine überwiegende Fokussierung allein auf Einkaufsmöglichkeiten sei nicht mehr ausreichend.

Eberhard Schwarz vom Forum sieht sich daher in seiner Meinung bestätigt: „Es gibt in den großen Metropolen kaum noch Verwurzelung. Nur noch reale Begegnungen schaffen Identität und Verbindung. Daher müssen wir reale Begegnungen schaffen. Im Quartier, in der Stadt. Wir müssen Foren schaffen, wo sich Menschen treffen, austauschen und bestenfalls einbringen. Begegnung findet nicht auf unseren Schreibtischen oder in unseren Köpfen statt. Es ist immer wieder der Alltag und der öffentliche Raum, der Menschen zueinander führt.“

 

Allerdings bedarf es auch hier der Konzeption und der Ausrichtung. Schwarz stimmt Staatssekretärin Ute Leidig und deren Eingangsfrage zu: „Wie kann es gelingen, dass Orte zum Verweilen einladen, wie können wir sie gestalten, dass sie für alle Altersgruppen zugänglich sind.“ Aus Sicht von Schwarz und dem Forum-Vorstand sei man im Hospitalviertel hier bereits seit längerer Zeit wegweisend unterwegs. Aber weil das Bessere der Feind des Guten sei, suche man nun nach weiteren Möglichkeiten der Begegnung im Quartier. In der Diskussion sind etwa Gartenprojekte oder Pop-Up-Aktionen. „Ziel aller Maßnahmen muss sein, Plätze oder Leerstände als spannende und verbindende Orte zu inszenieren“, meint Schwarz.

 Wenn Sie auch gute Ideen gegen die Einsamkeit haben, schreiben sie uns.   info@forum-hospitalviertel.de      

  

„Es braucht diesen sozialen Kitt“

Eberhard Schwarz: "Es braucht diesen sozialen Kitt"

Über 20 Jahre Arbeit hat der Verein Forum Hospitalviertel inzwischen im Quartier geleistet. Für Vorstandsmitglied Eberhard Schwarz Anlass, gleichzeitig zurückzublicken und einen Ausblick zu wagen. Beim Blick nach vorn beschäftigt den Pfarrer der Hospitalkirche freilich auch die Frage nach der Förderung der Vereinsarbeit durch die Kommune. Im Hinblick zu den kommenden Haushaltsberatungen sagt er: „Da wir ein sehr kleiner Spieler auf dem großen Feld des Stadthaushalts sind, besteht immer die Gefahr, übersehen zu werden. Daher scheue ich mich nicht, in einer Diskussion darzustellen, dass wir zusammen mit der Politik und den Ämtern konstruktiv über das Thema Stadt nachdenken.  Und wir es immer wieder schaffen, Trendsetter-Themen zu setzen.“   

Herr Schwarz, der Verein Forum Hospitalviertel feierte zuletzt sein 20-jähriges Bestehen. Was ist von diesem Geburtstag am stärksten hängen geblieben?

Dass wir von großen Teilen der Politik – bis hin zur Landtagspräsidentin Muhterem Aras – große Wertschätzung für unsere Arbeit erfahren haben.

Was genau schätzen die verantwortlichen Politiker?

Unsere Impulse, die unsere Projekte in den Bereichen Bürgerbeteiligung und der Quartiersarbeit  in die Stadtgesellschaft
gesetzt haben. Dieses Echo hat uns natürlich sehr gut getan. Aber am wesentlichsten ist eigentlich, dass die Stadt in diesen zwei Jahrzehnten
Menschen gewonnen hat, die politisch aktiv und für Quartiere sozialsensibel geworden sind. Gerade dieses Engagement ist in diesen Tagen ja nicht mehr
selbstverständlich. Aus dieser Perspektive sind bei den Menschen Vertrauen und eine gute Nachbarschaft gewachsen. Und all das ist freilich mit unserer Arbeit verknüpft. Die Leute wissen inzwischen: Wenn das Forum kommt, dann ist das etwas Seriöses und Nachhaltiges.     

Sie nannten Muhterem Aras explizit. Welchen Anteil hat eine andere Frau, nämlich Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle, an der Erfolgsgeschichte des Forums?

Sie hat einen wirklich bedeutenden Anteil, weil sie sich über all die Jahre mit echter Aufmerksamkeit und Wertschätzung an unserer Entwicklung teilgenommen hat. Sie hat viele Projekte unterstützt und hat mitdiskutiert. Man kann fast von einem idealen Verhältnis zwischen Kommunalpolitik und
Beteiligungsinitiative sprechen. Natürlich besteht zwischen der Graswurzeldemokratie des Bezirksbeirates und uns zwangsläufig eine enge
Verbindung. Aber Veronika Kienzle hat diese eindrucksvoll mit ihrer Persönlichkeit geprägt – mit einer großen Freiheit und Unabhängigkeit von den
jeweiligen politischen Belangen.      

Was braucht der öffentliche Raum?

Lassen Sie uns zurückblicken: Aus welchem Antrieb heraus ist der Verein entstanden?

Aus einem ganz banalen Anlass. Es ging um die Sanierung des Hospitalhofs. Damals fragten wir uns, was braucht es denn noch um die Sanierung herum? Denn wenn man eine Immobilie nur von innen her entwickelt, verspielt man unglaublich viele Chancen, die Nachbarschaft mitzunehmen. Schnell wurde dann klar, dass der Hospitalhof mit seiner Bildungsarbeit genau diese Frage schon stellt: Wie verstehen wir die Welt? Bei dieser Arbeit kam sozusagen eine Initialzündung. Uns wurde damals klar, alles was wir als Kirche machen, machen wir auch für die Stadt. 

Was war das erste Projekt?

Wir begannen mit der Frage: Wie können wir den öffentlichen Raum, der damals ganz furchtbar war, wieder attraktiver gestalten. In diesen Tagen wird ein weiteres Sanierungsprojekt, die Hospitalstraße, abgeschlossen. Das Viertel bekommt dadurch und die Arbeiten am Synagogenvorplatz ein weitere attraktive Fläche. 

Was aber ist durch diese Projekte sonst noch entstanden? Was sind bleibende Werte?

Ich habe in dieser Zeit vor allem eines gelernt: Nämlich, dass die Arbeit nie abgeschlossen ist. Ich hätte nie gedacht, dass Bordsteinkanten auch in
Zusammenhang mit Inklusionsthemen stehen können. Viele harte Fakten stehen in Wechselwirkung mit ideellen Werten. Und zuletzt lernten wir auch etwas über das Wesen der Stadt.

Was verstehen Sie darunter?

Dass Stadt ein lebendiger Körper ist, der in steter Veränderung ist. Und wenn man da nicht aufpasst, die Veränderungen nicht positiv begleitet, erlebt man innerhalb von zwei Jahren eine radikale Negativentwicklung von Quartieren. Es braucht daher diesen sozialen Kitt, es braucht die Stimmen, die sagen: Wir wollen uns zusammen entwickeln.     

„Wir brauchen Leute, die anpacken“

Sie nennen es sozialen Kitt. Kitt ist im Fensterbau heute überflüssig. Passt die Symbolik auf die Bereitschaft der Menschen, sich zu engagieren?

Es hat sich tatsächlich etwas verändert. Das Leben ist komplizierter geworden. Jeder Einzelne hat mit seiner Baustelle, seinem Lebensweg, zu tun. Daher haben die Menschen immer weniger Zeit sich zu engagieren. Das andere Phänomen ist, dass Vereine heute nicht mehr als Massenbewegungen funktionieren. Sie brauchen starke Trägergruppen. Es braucht ein paar Leute, die den Karren ziehen und andere temporär und punktuell dazu holen. Langfristig müsste das Ziel sein, Menschen auf Dauer für ihr Habitat sensibel zu machen. Ohne starke Trägergruppen diffundiert alles.

Was bedeutet das für die Gesellschaft?

Dass sie angesichts dieser Entwicklungen mehr denn je solche Menschen und Vereine wie uns braucht, die für Überzeugungen einstehen und aus der Beobachterrolle heraustreten, um anzupacken.     

Was repräsentiert der Verein heute?

Er repräsentiert unter anderem ein gewaltiges Wissensreservoir, eine Idee für soziale Prozesse. Das Forum ist inzwischen eine politische Größe im Spielfeld
der Stadtgesellschaft. Daher wäre es schade, wenn man sich von so einem wesentlichen Spieler auf der untersten Ebene verabschieden würde.   

Das Quartier ist entwickelt, die Institutionen im Viertel haben ihren Platz und funktionieren. Wozu braucht es das Forum Hospitalviertel noch?

Ich glaube schon, dass dies punktuell funktioniert. Aber es braucht eben auch einen institutionellen Imperativ.

Was meinen Sie damit?

Es ist wie bei der Kindererziehung. Man vermittelt immer wieder, dass man nicht alleine auf der Welt lebt, sondern in einem größeren Zusammenhang. Zum Beispiel in einem Quartier. So etwas ergibt sich nicht zwangsläufig aus guten bilateralen Verhältnissen.     

„Wir sind wichtiger Gesprächspartner“

Inzwischen weist das Forum mit seiner Arbeit weit über das Quartier hinaus. Der Verein Leonhardsvorstadt hat unter anderen schon Rat bei Ihnen gesucht. Wie stark ist die Rolle des Quartiersentwicklugs-Experten inzwischen. Und gibt es weitere Beispiele des Wissenstransfers?  

Wir haben tatsächlich immer wieder Anfragen. Richtig toll waren die Gespräche mit den Gästen aus Nazareth oder aus Schweden und der Türkei – Gespräche, zu denen wir über die Bosch-Stiftung und das Amt für Integration der Stadt eingeladen wurden. Diese Gruppen wollten unsere Erfahrungen, wie auf kleinräumiger Ebenen Vernetzung sowie Sozialentwicklung funktioniert, einholen. Aber auch hier in der Stadt sind wir wichtiger Gesprächspartner der Bürgerstiftung, der Stadtteilvernetzer, der Architektenkammer oder dem Verein Leonhardsvorstadt. Wir sind da viel unterwegs. Zuletzt auch bei der Konzeption einer Vereinssatzung für einen muslimischen Begegnungs- und Gebetsraumes.

Es gibt Gedankenspiele die Arbeit des Forums durch Strukturen in der Stadtverwaltung zu ersetzen. Was halten Sie davon?

Darin steckt ein Widerspruch in sich selbst. Weil unser Wissen ein kooperatives und Beteiligungswissen ist. Wenn man dieses Wissen weitergibt, muss man es
partnerschaftlich weitergeben. Top-down funktioniert das nicht. Es ist wie in der Pädagogik: Man muss selbst mit drinstecken, um zu lernen. Demokratie
verändert sich und braucht ständig neue Formen der Beteiligung. Genau das machen wir hier en miniature.    

Haben Sie dennoch die Sorge, dass manche das Forum für verzichtbar erachten?

Ja, das gebe ich offen zu: Ich habe Sorge, weil die Rationalität der Politik im Vierjahresrhythmus läuft. Und da die Leitmedien in der Stadt ihre Aufgabe aufgegeben haben, über politische Meinungsbildungsprozesse zu berichten, sorgt mich das umso mehr.  Wir sehen ja gerade in Frankreich,
wie den Bürgern ein Gesellschaftsentwurf um die Ohren fliegt. Auch die europäische Stadt hat sich verändert. Es ist eine komplexe Mischung aus
lokaler, globaler, digitaler Anwesenheit geworden. Umso dringlicher stellt sich die Frage: Was braucht so eine Stadt, damit sie funktioniert?

Und was braucht Stuttgart?

Es gibt in den großen Metropolen kaum noch Verwurzelung. Nur noch reale Begegnungen schaffen Identität und Verbindung. Daher müssen wir reale Begegnungen schaffen. Im Quartier, in der Stadt. Wir müssen Foren schaffen, wo sich Menschen treffen, austauschen und bestenfalls einbringen. 

In den kommenden Haushaltsberatungen geht es erneut um die Zukunft des Vereins. Gibt es Hinweise, wie sich der Gemeinderat zu einer weiteren Förderung des Forums stellt?

Es gibt zumindest keine negativen Hinweise. Aber das heißt noch nichts, da wir ein sehr kleiner Spieler auf dem großen Feld des Stadthaushalts sind. Da besteht immer die Gefahr, übersehen zu werden. Daher scheue ich mich nicht, in einer Diskussion darzustellen, dass wir zusammen mit der Politik und den Ämtern konstruktiv über das Thema Stadt nachdenken.  Und wir es immer wieder schaffen, Trendsetter-Themen zu setzen. 

„Junge Menschen zum Engagement ermuntern“  

Glauben Sie, Oberbürgermeister Frank Nopper weiß um die Bedeutung des Vereins?

Ich hoffe es. Wichtig ist es, dass ein paar Leute in seinem Umfeld von uns und unserer Arbeit wissen. 

Was ist Ihre Vision?

Wenn es uns gelingt, das Thema Subsidiarität, das Zusammenspiel von Zivilgesellschaft und Stadt noch stärker in den Mittelpunkt zu rücken, wäre das eine gute Sache. Und wenn es weiterhin gelingt, die Expertise der Wissenschaft miteinzubinden, dann wäre das ein Weg in die Zukunft.  Natürlich wäre es schön, wenn wir auch mehr junge Menschen zum Engagement ermuntern könnten.  

Stichwort Jubiläum: Nach 20 Jahren kommen 25 Jahre. Gibt es schon Pläne für diesen Geburtstag?

Es gibt in England die Initiative Coinstreet, die mich sehr beindruckt. Die haben tolle Arbeit in der sozialen Quartiersarbeit geleistet.
Aber von den Früchten dieser Arbeit weiß dort fast keiner mehr. Keiner weiß, wem sie die Quartiersentwicklung zu verdanken haben. Da brauchen wir auch eine evaluative und historische Wahrnehmung unser Arbeit. Wir brauchen ein Gedächtnis. Daher wäre es schön, wenn wir zum 25-Jährigen eine Publikation
erstellen könnten, die unsere Arbeit und die Entwicklung des Hospitalviertels fixiert.

Das Gespräch führte Martin Haar