Platz schaffen!
Die Leuschnerstraße mit dem sogenannten Leuschnerplätzle im Hospitalviertel gehört zu den wenig attraktiven Orten in der Stuttgarter City. Der Schein trügt: an der Ecke Fritz-Elsas-Straße – Leuschnerstraße endete mit der Auflösung des nach Stuttgart geflohenen „Frankfurter Rumpfparlaments“ im 19. Jh. ein bedeutendes Kapitel nationaler Demokratiegeschichte.
Im Jahr 2016 erarbeiteten Studierende der Kunstakademie Stuttgart (Leitung Prof. Dr. Nils Büttner, Prof. Mark Blaschitz) gemeinsam mit Studierenden
der Geschichte an der Uni Stuttgart (Leitung Dr. Carsten Kretschmann) in Zusammenarbeit mit dem Amt für Stadtplanung und Stadterneuerung, dem Kulturamt (Stadtmuseum und Stadtarchiv Stuttgart), dem Internationalen Zentrum für Kultur- und Technikforschung und dem Forum Hospitalviertel e.V. Ideen für einen zukünftigen Platz der Demokratie zu entwickeln. Hier geht’s zur Dokumentation des Projekts: 160216_Demokratie_Projekt Leuschnerplätzle

Demokratie soll im Herzen der Stadt sichtbar und erlebbar werden
Der Bezirksbeirat Mitte hat sich in einer Sitzung deutlich hinter die Pläne zu einer Neugestaltung des Leuschnerplätzles gestellt. Damit greift der Bezirksbeirat und die Verwaltung die Vorstellungen und Vorarbeiten des Forum Hospitalviertels auf. Denn der Verein arbeitet bereits seit über 15 Jahren an Ideen zur Umsetzung eines Platzes der Demokratie.
Ein kleiner Platz mit großer Geschichte: Das
Leuschnerplätzle, versteckt zwischen Fritz-Elsas-Straße und Leuschnerstraße im Hospitalviertel, soll nach dem Willen des Stadtplanungsamtes, dem Bezirksbeirat Mitte und dem Forum Hospitalviertel zu einem Ort der gelebten Demokratie werden. Aus dem schwäbischen Diminutiv Leuschnerplätzle könnte sogar ein starkes Zeichen mit Symbolkraft: Es könnte im Hopspitalviertel „Der Platz der Demokratie“ entstehen.
Den Anstoß zur Namensgebung gab Klaus Volkmar vom Amt für Stadtplanung bei einem Lokaltermin am Leuschnerplätzle mit dem Vorstand des
Forums Hospitalviertel. Volkmar regte an, den geschichtsträchtigen Ort, an dem einst das Rumpfparlament tagte, nicht länger mit einem „-plätzle“ zu
verniedlichen. Das werde der historischen Bedeutung des Ortes nicht gerecht. Die Idee fand beim Vorstand des Forums sofort Anklang und Unterstützung.
„Dass Bezirksbeirat und Verwaltung dieses Projekt nun mit uns angehen wollen, erfüllt uns mit großer Freude“, erklärt Eberhard Schwarz, Vorstandssprecher des Forums: „Noch schöner ist es, dass wir in die Umsetzung kommen, denn wir arbeiten an dieser Idee seit über 15 Jahren.“ Diese langjährige Vorarbeit umfasste Kooperationen mit der Universität Stuttgart, dem Internationalen Zentrum für Kultur- und Technikforschung (IZKT), dem Stadtarchiv und politischen Akteuren. Ziel war es stets, den Platz nicht nur städtebaulich aufzuwerten, sondern ihn auch inhaltlich mit Bedeutung zu füllen. Ganz nach den Vorbildern des Oppenheimer- oder des Taro-Platzes.
„Eigentlich ist es entscheidend, dass ein Platz mit dieser Geschichte auch sichtbar als Erinnerungsort gestaltet wird“, betont Pfarrer Schwarz, „er soll jeder Bürgerin und jedem Bürger dieser Stadt bewusst machen, wie wichtig ihr Einsatz für eine offene, demokratische Gesellschaft ist.“ Das Forum schlägt daher vor, an dem künftigen Platz der Demokratie auch eine Art „Speaker’s Corner“ nach dem Vorbild des Hyde Park in London zu etablieren. Eine
kleine Ecke, an der Menschen ihre Meinung frei äußern und diskutieren können.
„Ein könnte ein Ort sein, an dem politische Meinungen argumentativ aufeinandertreffen, an dem Schulklassen lernen können, wie Demokratie
funktioniert. Nämlich lebendig, streitbar und respektvoll.“ Darüber hinaus betont Schwarz die Notwendigkeit, den Platz in ein Netzwerk anderer
erinnerungskultureller Orte Stuttgarts einzubinden: von historischen Stätten über Bildungsinstitutionen bis hin zu kulturellen Einrichtungen. Auch eine
Zusammenarbeit mit dem Literaturhaus, dem Institut Français oder Stiftungen mit bürgerschaftlichem und politischem Fokus sei essenziell, um dem Ort dauerhaft inhaltliche Tiefe zu geben.
Ein weiterer Vorschlag mit großem Potenzial kamen von Stadtplaner Volkmer und dem Forum Hospitalviertel: Eine seit Jahren
leerstehende Ladenfläche in der Leuschnerstraße 16 – direkt am Platz gelegen – könnte künftig als Veranstaltungsort oder Bildungsraum genutzt werden. Die
Fläche gehört der Stadt Stuttgart und wird vom Liegenschaftsamt verwaltet. Für das Forum Hospitalviertel wäre es ein idealer Ort, um Veranstaltungen,
Workshops oder Ausstellungen zur Demokratiegeschichte Stuttgarts dort zu verankern.
„Die geplante Umgestaltung des Leuschnerplätzles markiert mehr als eine städtebauliche Veränderung“, sagt Eberhard Schwarz, „sie ist
Ausdruck eines gewachsenen demokratischen Selbstverständnisses. Ein Ort, der daran erinnert, woher wir kommen, und zugleich Raum schafft für die Frage,
wohin wir wollen. Ein Platz, der nicht nur gestaltet, sondern gelebt wird.“
Diese Vorschläge gehen weit über die Beschlüsse des Bezirksbeirats Mitte hinaus. Der Beirat begrüßt zwar die Richtung der Planungen von Klaus Volkmer, formulierte jedoch noch Wünsche für eine weitere Ausarbeitung, die die historische und demokratie-relevante Bedeutung nicht spiegeln. So ging es in der Diskussion des Rates eher um die Frage, wie der Platz möglichst vielfältig und inklusiv gestaltet werden könne. Der Bezirksbeirat regte insbesondere an, das Thema Wasser in Form eines öffentlichen Trinkbrunnens aufzunehmen. In diesem Zusammenhang empfahl Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle, auch das Tiefbauamt und die Stiftung Stuttgarter Brünnele in die Planung einzubeziehen.
Ein besonderes Augenmerk lenkte der Rat auch auf die zukünftige Nutzung des Platzes durch Kinder und Jugendliche. Die Bezirksbeiräte sprachen
sich für die Einrichtung von Freizeitangeboten wie einer Tischtennisplatte, einer Boccia- oder Boule-Bahn sowie einer Schaukel aus. Eine Skateanlage wurde
hingegen verworfen, da sie zu laut sei. Ein sogenannter Pumptrack für Fahrräder wäre zwar lärmfrei, erfordere jedoch zu viel Fläche, wie die Experten vom
Stadtplanungsamt mittteilten. Veronika Kienzle wies außerdem darauf hin, dass eine plakatierbare Litfaßsäule anstelle einer reinen Werbesäule erwünscht sei.
Die Platzgestaltung solle außerdem im engen Austausch mit dem Forum Hospitalviertel sowie dem Jugendrat Mitte abgestimmt werden, um eine breite
Beteiligung der Stadtgesellschaft sicherzustellen.
Genau an dieser Stelle sieht das Forum Hospitalviertel laut Eberhard Schwarz seine Kompetenz und Erfahrung: „In der Vernetzung aller Akteure und Gruppen im Sinne eines partizipativen Prozesses.“
Der Planentwurf berücksichtigt bereits wesentliche Aspekte der Barrierefreiheit, unter anderem mit einer Blindenleitführung. Auch an die Infrastruktur wurde gedacht: So sollen Müllfahrzeuge weiterhin passieren können, die allgemeine Durchfahrt aber durch Poller beschränkt werden. Für Lastenräder sei am Ende der Fahrradbügel Platz vorgesehen, auch wenn der Raum dadurch knapper werde. Zur Oberflächengestaltung soll ein wasserdurchlässiger Belag dienen, der das überschüssige Wasser in Grünbeete ableitet. Eine Zisterne sei aufgrund des geringen Wasseranfalls nicht vorgesehen.
Abschließend appellierte der Bezirksbeirat an die zuständigen Ämter, die weiteren Planungsschritte zügig voranzutreiben. Auch wenn sich das Projekt derzeit noch in einem frühen Ideenskizzen-Stadium befindet, sei der Wunsch nach einer baldigen Realisierung deutlich geworden.


