Das Liegenschaftsamt unterstützt das Demokratie-Projekt nicht

Demokratieprojekt braucht Hilfe

Das Liegenschaftsamt unterstützt das Demokratie-Projekt nicht

Bezirksbeirat kritisiert Liegenschaftsamt

Der gesamte Bezirksbeirat Mitte und Bezirksvorsteherin Kienzle wünschen sich vom Liegenschaftsamt ein Einlenken bei der Zwischennutzung leerstehender Räume am Leuschnerplätzle.

Kleines Anliegen, großes Thema. So startete Eberhard Schwarz seine Rede vor dem Bezirksbeirat Mitte und Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle. Tatsächlich geht es Schwarz und dem Forum Hospitalviertel e.V. um nicht weniger als die Demokratie und ein einzigartiges Projekt dazu. Denn das Forum Hospitalviertel ist Kooperationspartner des universitären Projektes „Zukünftige Freiheiten. Reportagen aus der postkarbonen Gesellschaft des Jahres 2049“ unter der Federführung von Dr. Elke Uhl (Internationales Zentrum für Kultur- und Technikforschung – IZKT).

Das kleine Anliegen des Forum-Vorstandes ist ebenso schnell erklärt: Gerade das Leuschnerplätzle soll bei diesem Projekt eine besondere Rolle spielen. Denn am Leuschnerplätzle, an der Ecke Fritz-Elsas-Straße/ Leuschnerstraße, endete mit der Auflösung des nach Stuttgart geflohenen „Frankfurter Rumpfparlaments“ im 19. Jahrhundert ein bedeutendes Kapitel nationaler Demokratiegeschichte. Und genau hier soll dieses lose Ende der Demokratiegeschichte wieder aufgenommen werden.

Das Projekt untersucht nun vor allem die vielfältigen Debatten um den Freiheitsbegriff und dessen Zukunftsfähigkeit bis zum 100. Geburtstag des Grundgesetzes im Jahr 2049. Dabei sollen Bürger des Quartiers, Wissenschaftler und Studierende in einen kreativen Austauschprozess eingebunden werden.

Ein zentraler Bestandteil des Projektes sind die Dokumentarfilme mit den Bewohnern des Hospitalviertels, die unter anderem in einem temporären Begegnungsort produziert werden sollen: im „Atelier Leuschnerplätzle“. Es ist als Freiheitswerkstatt, als Begegnungsraum und als Ausstellungsraum konzipiert.

Tatsächlich würde sich dafür eine Liegenschaft der Stadt besonders eignen. Nicht nur, weil sie seit geraumer Zeit leer steht und offenbar auch nicht ad hoc zu vermieten ist. Einen Teil der Fläche könnte nun als Atelier dienen. Doch das Liegenschaftsamt lehnt die Zwischennutzung für das Demokratieprojekt kategorisch ab. Begründung: Die Fläche müsse erheblich saniert werden. Zudem hätte das Liegenschaftsamt derzeit alle Hände voll mit Flüchtlingsunterkünften zu tun. Ein dort ansässiger Einzelhändler widerlegt dies. Er erklärte gegenüber dem Forum Hospitalviertel: „Das Liegenschaftsamt hat uns sogar aufgefordert aktiv nach Pop-Up-Mietern zu suchen.“

Das Liegenschaftsamt selbst hüllt sich inzwischen in Schweigen. Mehr noch: Die Vertreter des Amtes haben sogar eine Einladung zur Bezirksbeiratssitzung abgelehnt. Nachdem Veronika Kienzle ihrem Rat und den Bürgern im Mittleren Sitzungssaal diese Botschaft übermittelte, folgte ein Raunen des Unmutes im Saal. Vereinzelt waren Stimmen herauszuhören, die Worte wie „Armutszeugnis“ oder „Das gibt’s doch gar nicht herauszuhören.

Auch für Pfarrer im Ruhestand Schwarz ist diese Haltung der Verwaltung nicht nachvollziehbar. Er stellte sogar eine Grundsatzfrage: „Wie geht man von Seiten der der Stadt mit Leerstand um?“ Schwarz wünscht sich einen transparenteren und kreativeren Umgang. „So sollte man nicht mit städtischem Eigentum umgehen. Zudem redet man in der Stadt gerne von Bürgerbeteiligung, aber in den Ämtern scheint dieser Gedanke noch nicht verankert zu sein.“           

Worte, die bei den Bezirksbeiräten kollektive Betroffenheit auslöste. „Ich kann das nicht nachvollziehen“, erklärte Heinrich Huth (SPD), „ich wünsche mir, dass das Liegenschaftsamt diese Räume zur Verfügung stellt.“ Auch Cornelius Hummel von der FDP versicherte Schwarz und dem Forum Hospitalviertel seine ganze Unterstützung: „Von mir voller Rückenwind.“ Veronika Kienzle geht sogar noch einen Schritt weiter. Sie hat die historische Bedeutung des Leuschnerplätzles erkannt und will sich nun um diesen Ort persönlich kümmern, obschon man ihn wegen seiner Lage und Topografie nicht ohne weiteres zu einem Gedenkort machen könne. Fürs Erste versprach sie aber, das Liegenschaftsamt erneut im Namen des Bezirksbeirates Mitte anzuschreiben. „Wir werden erneut darum bitten, diese Räume für eine mehrmonatige Nutzung freizugeben.“     

Für das Forum Hospitalviertel bedeutet diese Zusage sehr viel. Aus Sicht des gesamten geschäftsführenden Vorstandes ist mit etwas gutem Willen an dieser Stelle etwas ganz Wunderbares im Sinne der Demokratie sowie der Geschichte dieses besonderen Platzes möglich. Aus diesem Grund appellieren die Geschäftsführenden Vorstände des Forum Hospitalviertel an das Liegenschaftsamt, in diesem Fall das scheinbar Unmögliche möglich zu machen.  

Die Zukunft der VHS

Forum-Vorstand bittet OB Frank Nopper um Hilfe

Im Immobilienbrief von Frank Peter Unterreiner ist es nur eine kleine Notiz unter der Überschrift „Stadtreparatur in der Hospitalstraße“. Ein Euphemismus. Denn von Stadtreparatur kann in diesem Zusammenhang keine Rede sein. Im Hospitalviertel hat tatsächlich Reparatur im Sinne einer echten Quartiersentwicklung stattgefunden. Zuletzt hat das Forum Hospitalviertel zusammen mit dem Stadtplanungsamt und vielen Gästen die Fertigstellung eines weiteren Meilensteins der Sanierungsmaßnahmen gefeiert. Das Setzen des Schlusssteins am Synagogenvorplatz soll Mitte 2025 gesetzt werden.

Nun haben sich die Vorzeichen aber verändert. Die Stadtverwaltung plant nun nicht mehr mit der VHS samt Veranstaltungsräumen an diesem Platz. Stattdessen soll ein sechsstöckiges Hauptgebäude, wo einst die GWG-Gruppe ihren Sitz in der Hospitalstraße 33 hatte, als ein schnödes Bürogebäude genutzt werden. Im Erdgeschoss sollen statt der VHS nun „auf 600 Quadratmeter Laden- oder Dienstleistungsflächen entstehen, darüber Büros und Praxen, zusammen etwa 4350 Quadratmeter Mietfläche“, wie der „Immobilienbrief“ berichtet.

Aus Sicht des Forum Hospitalviertel wäre diese Form der Nutzung ein Fehler. Aus diesem Grund hat sich der Vorstand in einem Brief direkt an Oberbürgermeister Frank Nopper und den zuständigen Fachbürgermeister Fuhrmann gewandt. Zudem hat Vorstandsmitglied Eberhard Schwarz auch an die Fraktionen des Gemeinderats Stuttgart geschrieben. Der Brief, der auch an die Stuttgarter Presse ging, hat folgenden Wortlaut und drückt die Sorge des Forum Hospitalviertel aus:

Betreff: Ansiedlung der Volkshochschule Stuttgart im Gebäude Hospitalstraße 33

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Dr. Nopper, sehr geehrter Herr Bürgermeister Fuhrmann,

sehr geehrte Damen und Herren in den Gemeinderatsfraktionen,

das Forum Hospitalviertel e.V. setzt sich seit über 20 Jahren als Anwalt der Bürgerschaft für die Belange im Quartier ein. Fast ebenso lange sind wir Partner der Landeshauptstadt bei der Sanierung des Viertels, zuletzt bei der Umgestaltung der Hospitalstraße und des Platzes vor der Synagoge.

Zu den wichtigen städtebaulichen Maßnahmen gehören auch Umbau und Neuausrichtung des Gebäudes Hospitalstraße 33. Seit Monaten laufen Bemühungen, dort die Volkshochschule anzusiedeln – eine einzigartige Maßnahme, die nicht nur das jüdische Leben, sondern auch im Bildungskontext des Quartiers neu positioniert. Denn nach den ursprünglichen Planungen wäre so eine wichtige Bildungsachse vom Treffpunkt Rotebühlplatz ausgehend über den neuen VHS-Sitz bis hin zum Hospitalhof entstanden. Auch für die VHS selbst ist Verortung nahe des Treffpunkt Rotebühlplatz von großer Bedeutung. Man könnte beinahe sagen, es handle sich um eine Schicksalsfrage. Ganz sicher aber ist: Es ist eine Zukunftsfrage der VHS als wichtige Bildungseinrichtung der Stadt im Herzen von Stuttgart.    

Jetzt haben wir erfahren, dass dies von der Stadtverwaltung – Federführung Referat WFW – nicht weiterverfolgt werden soll. Wir würden gerne erfahren, welche Gründe für diese Position stehen. Wir haben uns damit an das Referat WFB gewandt.

Das Forum Hospitalviertel würde es sehr begrüßen, wenn die Stadt ihre Position überdenken und doch noch eine Entscheidung für die Volkshochschule an diesem Standort treffen würde. Eine Entscheidung für die Volkshochschule würde die große Chance bieten, mit einer öffentlichen Nutzung am Platz vor der Synagoge zur Lebendigkeit des Standorts und des gesamten Viertels beizutragen. Damit wäre auch ein wesentliches Ziel der Sanierung erreicht. Mit dem Standort direkt gegenüber der Synagoge könnte das jüdische Leben im Viertel und in der gesamten Stadt gestärkt werden. Nach unserer Meinung handelt es sich nicht nur um finanzielle, sondern wesentlich auch um gesamtstädtische Erwägungen.

Wir bitten, dass Sie sich auf politischer Ebene für unser Anliegen einsetzen und darauf hinwirken, dass die Verwaltung die jetzige Entscheidung gegen die Volkshochschule überdenk und sie in dem von uns genannten Sinne weiterführt.


Quartiersentwicklung

StZ-Redakteurin Adrienne Braun mit Sozialminister Manne Lucha

Hohe Aufenthaltsqualität im Hospitalviertel

„Des is a unheimlich lauschige, chillige Atmosphäre, i könnt mi hier aflechze“, meinte Sozialminister Manne Lucha zum Ende des 6. Landesfachtages Quartiersentwicklung im Hospitalhof. Dass sich der Landesminister im Rosengarten des Hospitalhofs und im Quartier so wohl fühlt, hat viele Gründe. Aber einer liegt genau im Motto des Fachtages. „Gemeinsam. Gestalten – Vernetzung, Austausch, Inspiration.“ Also genau den Grundpfeilern des Forum Hospitalviertel, die den Verein tragen. So erlebten die Teilnehmer des Fachtages, die die Arbeit des Forums aufmerksam begleiten, oft ein Deja vu. Denn das Forum Hospitalviertel ist seit über 20 Jahren in der Quartiersentwicklung aktiv – und sorgt damit für eine sehr hohe Aufenthaltsqualität im Viertel. 

Die Landesstrategie „Quartier 2030 – Gemeinsam. Gestalten.“ fußt auf den Handlungsempfehlungen der Enquetekommission, die sich von 2014 bis 2016 dem Thema „Pflege in Baden-Württemberg zukunftsorientiert und generationengerecht gestalten“ widmete. Die Enquete-Kommission sah in Quartierskonzepten große Potenziale, um Menschen mit Unterstützungs- und Pflegebedarf eine integrierende, lebensstilorientierte Versorgung zu bieten. Als zentraler Auftrag an die Landesregierung wird festgehalten, die alters- und generationengerechte Quartiersentwicklung zu fördern, welche die Voraussetzungen für ein möglichst langes selbstbestimmtes Leben schafft.

Geblieben ist der Ansatz, Gemeinden, Landkreise sowie zivilgesellschaftliche Akteure bei der alters- und generationengerechten Quartiersentwicklung zu unterstützen. Ziel ist es, lebendige Quartiere für alle Generationen zu gestalten – also Nachbarschaften, Stadtteile und Dörfer, in die Menschen sich einbringen, Verantwortung übernehmen und sich gegenseitig unterstützen. Quartiersentwicklung ist in einem ganzheitlichen Sinne zu verstehen und geht über städtebauliche Maßnahmen hinaus: Dazu gehören bedarfsgerechte Wohn- und Nahversorgungsangebote und eine wohnortnahe Beratung, Begegnungsorte, eine tragende soziale Infrastruktur, eine gesundheitsförderliche Umgebung und ein wertschätzendes, von bürgerschaftlichem Engagement getragenes gesellschaftliches Umfeld.

Womit wieder wichtige Punkte der Forums-Arbeit genannt sind. Nicht ohne Stolz blickte Forum-Vorstand Eberhard Schwarz daher im Vorbeigehen auf die Veranstaltung im Hospitalhof, wo auch sein Büro als Pfarrer der Hospitalkirche ist.  Landesweite, überregionale Treffen, bei denen sich Akteure bürgerschaftlichen Engagements begegnen und vernetzen können, sind von großer Bedeutung. So reift eine neue Kultur der Zivilgesellschaft“, sagt Schwarz.            

Lob vom Bezirksbeirat

"Das Forum hat das Quartier zum Leuchten gebracht"

Die Sache hat inzwischen Tradition: Eberhard Schwarz erntet im Bezirksbeirat Mitte nach seinem Bericht über die Arbeit des Forum Hospitalviertel regelmäßig Lob und Anerkennung über alle Parteigrenzen hinweg. Auch in diesem Jahr löste der Jahresbericht begeisterte Reaktionen aus. So fühlte sich etwa Heinrich Huth (SPD/Vorstand des Vereins Leonhardvorstadt) mit dem Wirken und dem Ergebnis der Forum-Arbeit „metaphysisch verbunden“. „Hier geht es um die Arbeit, Menschen zu gewinnen, damit sie sich mit ihrem Viertel identifizieren“. Dieses Wirken sei so wertvoll, meinte Huth weiter, dass die Förderung des Forum Hospitalviertel eigentlich automatisch geschehen sollte und nicht alle zwei Jahre beantragt werden müsse. „Denn das Forum nimmt der Stadt viel Arbeit ab“, sagte Huth weiter.

Damit meinte er auch die Arbeit der Polizei. Die stellt in der jüngsten Kriminalstatistik für Mitte manchen Plätzen oder Straßen ein extrem schlechtes Zeugnis aus. Ganz anders sei die Situation laut Innenstadt-Revierleiter Jens Rügner im Hospitalviertel. Hier ist die Sicherheit der Bürger und Gewerbetreibenden im Vergleich zu anderen Quartieren extrem hoch, wie die Straftatenentwicklung zeigt: Zählte die Polizei im Jahr 2018 noch 184 Straftaten, so waren es im vergangenen Jahr nur 96. Von so einer Entwicklung können andere Viertel nur träumen. Für Heinrich Huth sei dieser positive Trend bei der Kriminalstatistik auch der formidablen Arbeit des Forum Hospitalviertel zuzuschreiben: „Durch Sie ist man achtsam und aufmerksam im Quartier, man identifiziert sich.“  

„Eine funktionierende Stadt, in der Menschen gut zusammenleben.“  

Dem großen Lob schlossen sich alle an. Cornelius Hummel (FDP) meinte, das „Forum hat das Quartier zum Leuchten gebracht“. Christa Bauer (Grüne) ergänzte: „Was Sie da gezaubert haben – unglaublich.“ Und Klaus Wenk (CDU) fand es gar „betrüblich und schade“, dass es das Forum noch nicht zu einer institutionellen Förderung gebracht habe. Daher wolle er sich nun in seiner Gemeinderatsfraktion persönlich dafür stark machen. Die Argumente aller Bezirksbeiräte samt der Meinung von Klaus  Wenk dürften dem CDU-Fraktionsvorsitzenden Alexander Kotz einleuchten: „Es ist immer wieder schön, mit welchem Engagement, Sie diesem Viertel Leben einhauchen.“ Noch schöner sei, dass die Früchte dieser Arbeit weit über das Hospitalviertel hinausstrahlen.

Zuletzt ließ es sich auch Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle nicht nehmen, Eberhard Schwarz und seinem anwesenden Vorstand den Ritterschlag zu verleihen: „Die Arbeit bei der Quartiersarbeit hört, wie bei der Integration nie auf. Dazu braucht es Teilhabe und Teilgabe. Hier ist etwas entstanden, was in der Stadt am besten funktioniert.“ Denn genau das wolle schließlich jeder, so Kienzle mit Verweis auf Brennpunktviertel in Stuttgart: „Eine funktionierende Stadt, in der Menschen gut zusammenleben.“  

Die Basis dafür ist laut Eberhard Schwarz „Vertrauen“ aufzubauen: „Zusammenhalt muss gemacht werden. Er kommt nicht von selbst. Gerade in einer Stadtgesellschaft, die in einem wahnsinnigen Umbruch steckt.“ Weiter sagte der Pfarrer der Hospital- und Leonhardskirche: „Wir versuchen daher an derselben Baustelle zu arbeiten wie der Bezirksbeirat Mitte.“ Im Rückblick auf die 20-jährige Vereinsgeschichte und den aktuellen Entwicklungen in der Stadt stellte Schwarz zudem fest: „Jedes Quartier braucht eigene Antworten.“ Auch wenn das Viertel derzeit eine Blüte erlebe und wohl das sicherste in der Stadt sei, so befinde man sich nicht auf der Insel der Glückseligen. Durch die Angebote der Evangelischen Gesellschaft (eva) sei man beispielsweise auch mit viel Armut konfrontiert. „Aber irgendwie gelingt es uns immer, mit vielen Augen draufzuschauen, uns nachbarschaftlich zu verbinden und mit allen im Quartier im Gespräch zu bleiben.“

Kritik an Stuttgarter Zeitungen

Es war das Stichwort: Im Gespräch bleiben, an Gesprächen teilnehmen. Genau das sei in der Stadt vielen Menschen nicht mehr möglich. Als einen Grund für die gestörte Sender-Empfänger-Situation identifizierte Schwarz die Stuttgarter Tageszeitungen und deren Rückzug aus der politisch-kulturellen Berichterstattung: „Was hat das für Konsequenzen für die Stadt und ihre Menschen, wenn uns die Presse nicht mehr wahrnimmt?“ Mit „uns“ meinte er freilich auch all die Engagierten in den Bezirksbeiräten, der Vereine und Initiativen. Für alle sei es von großer Bedeutung, die jeweilige Arbeit sichtbar zu machen, im Gespräch zu bleiben und dadurch zu weiteren Dialogen anzuregen. Schwarz kündigte an, bei diesem Thema nicht locker zu lassen. Denn dies sei ein wichtiges Demokratiethema. Und damit hat er elegant den Bogen zurück ins Quartier geschlagen: „Für das Miteinander im Quartier brauchen wir Foren, wo die Leute ihre Meinung sagen können, nachdenken können und ihrer Wut freien Lauf lassen können.“ Solche Räume finde man bei Forum-Projekten, wie etwa das Ethik-Café, die Nachbarschaftsgespräche oder die Stadtteilführungen.

In der Zukunft wolle der Verein zudem das Thema soziale Quartiersentwicklung in den Fokus nehmen. „Dazu braucht es ein Gesamtkonzept, das im Nahraum nachhaltig wirkt“, sagte Schwarz und stellte den Räten die Frage: „Was ist der Kitt der Stadtgesellschaft?“ Die Antwort lieferte er freilich prompt hinterher: „Wir sind es! Menschen, die Verantwortung übernehmen. Bezirksbeiräte oder Mitglieder im Forum Hospitalviertel.“ Allerdings, so endete Schwarz nicht ohne Pathos: „Ohne die kommunale Förderung wären wir schon lange nicht mehr da.“

Diese Vorlage nahm Veronika Kienzle dankbar auf und gab den Ball an die Bürgermeister der Stadt weiter: „Wir haben weder unter Baubürgermeister Hahn noch unter seinem Nachfolger Pätzold eine dauerhafte Förderung hinbekommen, vielleicht klappt es nun mit dem Finanz- oder Sozialbürgermeister.“ Veronika Kienzle plädiert sogar dafür, die Fördersumme auf bis zu 30 000 Euro pro Jahr anzuheben: „Das wäre nicht zu viel und vollkommen angemessen.“         

Mitglieder des Vorstands (v. li.): Christoph Hölscher, Eleonore Bauer und Klaus Böhringer.

Konzepte gegen die Einsamkeit

"Für den neu gestalteten Straßenabschnitt der Hospitalstraße zwischen Fritz-Elsas-Straße und Gymnasiumstraße wird im Juni Richtfest gefeiert und zu einer Hocketse eingeladen. Das bindet die Leute", sagt Vorstandsmitglied Achim Weiler..

Eberhard Schwarz: "Nur noch reale Begegnungen schaffen Verbindung"

Quo vadis Innenstadt? Wohin steuern die Quartiere? Und welche Konzepte greifen gegen die drohende Vereinsamung der Stadtmenschen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich der Fachtag Quartiersentwicklung, bei dem das Forum Hospitalviertel vertreten ist und seit vielen Jahren selbst gute Ansätze zeigt.

Wohin steuern die Innendstädte? Was passiert mit den Quartieren ohne aktive Entwicklung? Was macht das mit den Menschen? Das Drohszenario wird dabei gerne mit dem Begriff der Verödung beschrieben. Daher veranstaltet OB Frank Nopper regelmäßig so genannte City-Gipfel. Aber auch das Land Baden-Württemberg ist an einer positiven Entwicklung der Quartiere interessiert. „Denn die Begegnung im öffentlichen Raum betrifft uns alle“, wie Staatssekretärin Ute Leidig zu Beginn des landesweiten Fachtag Quartiersentwicklung mit Beteiligung des Forum Hospitalviertel sagte und mit der zentralen Frage in die Veranstaltung führte: „Wie kann es gelingen, dass Orte zum Verweilen einladen, wie können wir sie gestalten, dass sie für alle Altersgruppen zugänglich sind.“

Immer wenn von allen Bürgern einer Stadtgesellschaft die Rede ist, sind oft vor allem ältere Menschen angesprochen. Denn sie seien oft von Einsamkeit betroffen. Daher ist für die Staatssekretärin wichtig, „alters- und generationsgerechte Quartiere“ zu entwickeln. Ein Thema, dem sich Susanne Bücker von der Deutschen Sporthochschule in Köln verschrieben hat. Ihr Vortrag des Fachtags „Wenn Begegnungen fehlen – Einsamkeit und ihre Folgen“ bündelte die (weltweite) Problematik sehr gut. Denn weltweit leben 330 Millionen Menschen ohne soziale Interaktion. Und hiervon sind nicht nur ältere Menschen betroffen. Das Phänomen hat offenbar seine Ursachen in der Digitalisierung. Die sozialen Medien haben offensichtlich einen erheblichen Anteil an der Vereinsamung.

Auch soziale Medien machen einsam

 „Eine Theorie besagt, wenn du mehr Zeit mit sozialen Medien verbringst, triffst du dich weniger mit Menschen. Du magst vielleicht nicht isoliert sein, doch du fühlst dich einsamer. Du fängst an, die Beziehungen, die Menschen haben, auszumalen und dir vorzustellen, dass sie besser sind, als sie tatsächlich sind. Wenn du dich dann mit Menschen triffst, werden deine Erwartungen regelmäßig enttäuscht, weshalb du weniger Zeit mit Menschen verbringst und vereinsamst“, sagt Jon Clifton, Chef des US-Meinungsforschungsinstituts Gallup.

Bei der Entwicklung der sozialen Medien und ihrer Nutzung sind Kommunen eher in der Zuschauerrolle. Aber durch die Stadtplanung sowie der aktiven Arbeit von Initiativen oder Vereinen, wie dem Forum Hospitalviertel, kann man der drohenden Vereinsamung etwas entgegensetzen. „Denn einer von zehn Menschen ist heute von Einsamkeit betroffen“, sagt Bücker. Wichtig dabei sei es dabei zunächst die Risikogruppen zu identifizieren, wie die Juniorprofessorin meint. Sie hat bei ihrer Forschung fünf Gruppen ausgemacht:

1.    Empfänger von Sozialleistungen/Menschen mit geringem Einkommen

2.    Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen

3.    Menschen mit Migrationsgeschichte

4.    Menschen mit psychischen Störungen

5.    Menschen in Pflegeeinrichtungen       

Die gesundheitlichen Folgen des Stigma Einsamkeit und der Verlust einer gesellschaftlichen Rolle seien sehr bedeutsam. Nicht zuletzt würde Einsamkeit auch zu einer höheren Sterblichkeitsrate führen. Mindestens genauso wichtig seien jedoch die sozialen Folgen: „Einsamkeit bedroht unsere Gesellschaft“, sagt Bücker. Sie habe demokratiegefährdende Tendenzen. Denn die soziale Abkopplung führe zu einem Rückgang des politischen und sozialen Engagements und des wahrgenommenen Zusammenhalts.    

Blaue Stühle setzen Maßstäbe   

Was also kann die (Lokal-)Politik konkret gegen die Vereinsamung tun. Auch hier hat Bücker eine Reihe an Vorschlägen. Sie unterteilt die Maßnahmen in vier Bereiche:

Gesundheit: Die Sensibilisierung von (Haus-)Ärzten für Einsamkeit, Unterstützung von Risikogruppen

(z. B. pflegende Angehörige), WLAN-Zugang in Pflegeeinrichtungen, Anpassung der Bedarfsplanung für Psychotherapeuten

 

Infrastruktur: Inklusiver und bezahlbarer ÖPNV, Platzierung von Sitzgelegenheiten auf öffentlichem Räumen, wie etwa die Blauen Stühle im Hospitalviertel oder dem Fußweg zur nächsten Bus-/Bahnstation.

 

Bildung: Berücksichtigung sozialer Beziehungen und Einsamkeit im Gesundheitscurriculum,

Nutzung öffentlicher Schulen für soziale Räume in den Abendstunden und/oder am Wochenende.

 

Wohnen: Bezahlbarer Wohnraum für alle Personengruppen, Ausbalancierung von privatem und öffentlichem Raum.

 

Die fünf geschäftsführenden Vorstände des Forum Hospitalviertel, Achim Weiler, Margarete Müller, Christoph Hölscher, Klaus Böhringer und Eberhard Schwarz sehen im Kampf gegen die Einsamkeit jedoch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Und damit auch als Aufgabe für das Forum selbst. Begegnungsräume im Quartier haben daher für das Forum seit je her einen wichtigen Stellenwert. Denn sie ermöglichen Teilhabe und Austausch von verschiedenen Menschen. So entstehen Gemeinschaften und ein Gemeinschaftsgefühl. Letzteres stärke schließlich den gesellschaftlichen Zusammenhalt und hebt die Lebensqualität im Quartier.

„Es fehlen Sitzbänke im öffentlichen Raum. Sie helfen gegen Einsamkeit. Auf den Bänken am Feuersee sitzen täglich viele alte Leute und unterhalten sich angeregt und genießen es – oft kennen sie sich nicht mal beim Namen, sagt Christoph Hölscher: „Aber es fehlen nicht nur Sitzbänke am Ziel eines Spaziergangs, Sitzgelegenheiten sind auch auf dem Weg dorthin im Alter von großer Bedeutung. Meine 84 Jahre alte Nachbarin kann nicht mehr in ihre geliebte Hospitalkirche zum Gottesdienst gehen, da sie die 800 m dorthin zu Fuß nicht mehr schafft. Sie wünscht sich eine Pausenbank auf halber Strecke.“ Sein Vorstandskollege Achim Weiler ergänzt: „Je mehr Sitzmöglichkeiten im öffentlichen Raum und in den Fußwegen, desto besser wird die Aufenthaltsqualität und die Gelegenheit, sich zu treffen.“ Mit Blick auf das Hospitalviertel und die Aktivitäten des Vereins Forum Hospitalviertel sagt: „Zur Lebendigkeit unseres Viertels tragen wir mit den Quartiersfesten bei, eine Gelegenheit zum sich Kennenzulernen und miteinander zu Feiern. Für den neu gestalteten Straßenabschnitt  der Hospitalstraße zwischen Fritz-Elsas-Straße und Gymnasiumstraße wird im Juni Richtfest gefeiert und zu einer Hocketse eingeladen. Das bindet die Leute. Und schafft den direkten Zugang zur Synagoge und zur jüdischen Kultur. Schön wäre ein kleiner Markt auf dem Hospitalplatz, einmal in der Woche.“

Shopping nicht mehr das zentrale Erlebnis in der Stadt

Damit stellt sich für die kommenden City-Gipfel womöglich eine ganz neue Fragestellung. Nicht alleine die legitime Frage der Wirtschaftsförderung im City-Dialog, wie man Stuttgart noch besser als innovativen Standort vermarkten könne, ist in der Zukunft bedeutsam. Es geht vielmehr auch um soziale Entwicklung der Stadt und der dazugehörenden Rahmenbedingungen ihrer Quartiere. Zumal es unterschiedliche Studien zum Thema vitale Innenstädte gibt.

So behauptet Marktforscher Boris Hedde vom IFH Köln in seiner Studie „Vitale Innenstädte“ behauptet, dass mehr als 70 Prozent der Menschen wegen des Einkaufens nach Stuttgart kommen. Dagegen kommt eine Studie der Beratungsgesellschaft Cima zu einem anderen Ergebnis: Nämlich, dass Einkaufen nicht mehr die höchste Priorität bei den Besuchern der Innenstadt genieße. Vielmehr sei Shopping eine Generationenfrage. In der Studie heißt es wörtlich: „Die Innenstadt bedarf einer Neuausrichtung. Eine überwiegende Fokussierung allein auf Einkaufsmöglichkeiten sei nicht mehr ausreichend.

Eberhard Schwarz vom Forum sieht sich daher in seiner Meinung bestätigt: „Es gibt in den großen Metropolen kaum noch Verwurzelung. Nur noch reale Begegnungen schaffen Identität und Verbindung. Daher müssen wir reale Begegnungen schaffen. Im Quartier, in der Stadt. Wir müssen Foren schaffen, wo sich Menschen treffen, austauschen und bestenfalls einbringen. Begegnung findet nicht auf unseren Schreibtischen oder in unseren Köpfen statt. Es ist immer wieder der Alltag und der öffentliche Raum, der Menschen zueinander führt.“

 

Allerdings bedarf es auch hier der Konzeption und der Ausrichtung. Schwarz stimmt Staatssekretärin Ute Leidig und deren Eingangsfrage zu: „Wie kann es gelingen, dass Orte zum Verweilen einladen, wie können wir sie gestalten, dass sie für alle Altersgruppen zugänglich sind.“ Aus Sicht von Schwarz und dem Forum-Vorstand sei man im Hospitalviertel hier bereits seit längerer Zeit wegweisend unterwegs. Aber weil das Bessere der Feind des Guten sei, suche man nun nach weiteren Möglichkeiten der Begegnung im Quartier. In der Diskussion sind etwa Gartenprojekte oder Pop-Up-Aktionen. „Ziel aller Maßnahmen muss sein, Plätze oder Leerstände als spannende und verbindende Orte zu inszenieren“, meint Schwarz.

 Wenn Sie auch gute Ideen gegen die Einsamkeit haben, schreiben sie uns.   info@forum-hospitalviertel.de      

  

Auf einem gemeinsamen Weg

172 Kinder umrunden für den guten Zweck den Hospitalhof.

Jüdische und Brenz-Schüler laufen gemeinsam für guten Zweck

Kinder, Kinder. Genauer gesagt: 172 Kinder der Jüdischen Grundschule und der Johannes-Brenz-Schule tummelten sich vergangene Woche im Quartier. Grund war der erste gemeinsame Spendenlauf beider Schulen. Die Strecke führte die Schüler rund um den Hospitalhof und über den Hospitalplatz. Das Ziel dabei lautete: Innerhalb von 30 Minuten die etwa 260 Meter lange Strecke so oft wie möglich zu bewältigen – rennend, laufend oder einfach nur gehend. Jede absolvierte Runde wurde mit einem Gummiband ums Handgelenk belohnt. Und je mehr Gummibänder die Kinder am Handgelenk hatten, umso höher wird die Spende der Eltern ausfallen. Insgesamt sind die Kinder 2663 Runden gelaufen und haben damit Gummis in gleicher Anzahl gesammelt. Wie viel Spendengeld zusammengekommen ist, wollten die Veranstalter auf Nachfrage jedoch nicht preisgeben. Sicher indes schon eines: Der Ertrag kommt unter anderem neuen Spielen und Sportgeräten zu Gute. Die Brenzschule wird einen Teil der Erlöse an die peruanische Partnerschule Winaypag spenden. Wichtiger als das Materielle ist jedoch ein ideeller Wert, wie die Schulen verlautbaren: „Damit eröffnen sich für beide Schulen Möglichkeiten in vielerlei Hinsicht. Denn Kooperationen sind für beide Schulen wichtig, um sich weiterzuentwickeln, sich im Stadtteil zu verorten und sichtbar zu machen. Durch die gemeinsame Veranstaltung erhoffen wir uns zusätzlich, den Kindern die Möglichkeit zu bieten, sich kennenzulernen und einen schönen Nachmittag miteinander zu verbringen.“ 

Forum blickt über Quartiersgrenze

Forum blickt über Quartiersgrenze

Was passiert mit der Leonhardskirche und dem Quartier? Forum-Vorstand Eberhard Schwarz gibt im Stadtpalais Antworten

Eberhard Schwarz (li.) im Gespräch mit Bezirksbeirat Kaemmr (Grüne). H

Was passiert mit der Leonhardskirche? Die Frage scheint aus Sicht des Vereins Forum Hospitalviertel und aller Menschen in diesem Quartier von geringem Interesse. Allerdings trügt der Schein. Denn die Arbeit des Vereins im Sinne der Quartiersentwicklung weist immer weit über die Grenzen des Viertels hinaus. Immer wieder ist die Expertise des Forum Hospitalviertel gefragt – auch beim Verein Leonhardsvorstadt. Vor allem Vorstandsmitglied Eberhard Schwarz nimmt dabei die Rolle des Ratgebers, Mitdenkers oder Mahners ein. Zuletzt sogar in einer Doppelrolle. Bei einer Veranstaltung der Stadt Stuttgart, wo über die Entwicklung der Leonhardsvorstadt informiert wurde, trat Schwarz in seinem Redebeitrag einerseits als Interims-Pfarrer der Leonhardskirche auf. Andererseits war er als Fachmann beim Thema Stadt- und Quartiersentwicklung gefragt.

Was Eberhard Schwarz im Stadtpalais zur Zukunft der Leonhardskirche und deren Rolle im Gesamtprozess Leonhardsvorstadt sagte, lässt sich hier nachlesen: 

„Lieber Herr Bürgermeister Pätzold, liebe Frau Bezirksvorsteherin Kienzle, sehr geehrte Mitplanende und in die Zukunft Denkende, meine Damen und Herren, zuerst möchte ich mich bedanken im Namen der Leonhardskirchengemeinde, im Namen der Stuttgarter Citykirchen und im Namen der evangelischen Gesamtkirchengemeinde Stuttgart, die juristisch gesehen die Eigentümerin der Leonhardskirche ist, für diese Initiative und für die Einladung. Und ich möchte zwei grundlegende Gedanken vorausschicken, bevor ich zum meinem Thema komme. Das erste ist – und damit widerspreche ich mir gleich selbst: die Kirchengebäude gehören nicht nur der Kirche – sie gehören auch der Stadt.

Der Kirchenraum ist auch – und damit zitiere ich den im Januar verstorbenen Stuttgarter Architekten Arno Lederer – der Kirchenraum ist auch „in allen seinen Details, Farben und Formen, eine Res publica. Also eine öffentliche Sache, die weit über den Privatheitsanspruch der einzelnen Gemeinde hinausgeht, weil sie uns alle angeht

Der Kirchenraum ist weiter eine Res publica, weil auch aus der kirchlichen Binnensicht und nach christlichem Verständnis die Menschen dort einen Ort und einen Raum haben, die nicht zwangsläufig mit der Kirche etwas zu tun haben müssen. Für die Leonhardskirche in Stuttgart gilt das, wie wir alle wissen, in besonderer Weise. Ich denke dabei nicht nur an die sieben Wochen, jeweils zwischen Januar und März, in denen die Leonhardskirche zur Vesperkirche wird und eine Offenheit und Gastlichkeit schafft, die mitgetragen wird von der Stuttgarter Zivilgesellschaft, von zahllosen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern durch alle Generationen und Berufe, von großzügigen Spenderinnen und Spendern, von der städtischen Politik und bestimmt nicht zuletzt von den kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die diesen offenen Ort ermöglichen.

Ich denke weiter an die vielen Konzerte und Veranstaltungen in dem Klangraum Leonhardskirche, an die Zeiten, in denen Menschen die Offenheit des Raumes genießen und schätzen, um Atem zu holen, um sich zu sortieren oder um ganz einfach in die Geschichte unserer Stadt hinabzutauchen. Die Stadt- und ebenso die Landesgeschichte lassen sich eindrucksvoll lesen in der Leonhardskirche.

In der Architektur und in der Städteplanung wird gerne unterschieden zwischen privatem, öffentlichem und halböffentlichem Raum. Ich möchte das zuspitzen und berufe mich dabei erneut auf Arno Lederer: es gibt öffentliche Räume im Außenbereich und im Innenbereich! Und in vielen Zeiten des Jahres, nicht immer, aber in vielen Zeiten ist die Leonhardskirche auch ein öffentlicher Raum im Innenbereich. Zugegeben: Ein sehr anspruchsvoller, auch verletzlicher, sensibler Raum im Außen und im Innen! Anders gesagt: Kirchengebäude sind mehr als nur zweckgebundene Orte für eine bestimmte Kirchengemeinde. Sie sind mehr als Denkmäler. Sie sind Speicher von Geschichte und Sinn, hochsymbolische und repräsentative Orte einer Stadt, Räume der Begegnung, Orte der Verkündigung und des Feierns, des Gebets, des Innehaltens, der Musik, der Kultur und der Kunst, der Seelsorge. Schon durch ihr schlichtes Dasein sind Kirchen Botschaft, Signal, Zeichen, sind „Anderorte“, „Heterotope“ in der Stadt, so Petra Bahr, die ehemalige Kulturbeauftragte der EKD. Das ist der erste Gedanke.

Der zweite, damit unmittelbar verbundene Gedanke ist: Kirchengebäude sind dennoch keine „Fremdkörper“ in der Stadt, weil jede Stadt, jede Gesellschaft solche „Anderorte“ braucht. Sie gehören zur Stadt. Sie gehören prinzipiell schon seit Jahrhunderten zur europäischen Stadt. Sie sind nicht einfach funktionale Räume wie ein Parkhaus, ein Bürogebäude, ein Kaufhaus und dergleichen. Darüber sollten wir nachdenken, wenn es um die Entwicklung eines Stadtquartiers geht, um Handel, um Parkhäuser, um funktionale Gebäude, um Kultur um ein Film- und Medienhaus, um Wohnen, Leben, Begegnen, um die Würde von Menschen – ich denke an das Rotlichtmilieu, um die Seele der Menschen. Mir scheint, wir haben darüber noch zu wenig miteinander gesprochen und in manchen Bereichen schon recht viel geplant. Ich denke an die Situation im Chorbereich der Leonhardskirche und im Gegenüber zum Film- und Medienhaus. Wir sollten noch einmal reden.

Ein Sakralraum entwickelt sich mit dem Quartier – das ist mein Thema. Und Sie möchten zurecht erfahren, welches die Zukunftspläne für die Leonhardskirche sind. Eine Antwort liegt auch in ihrer Geschichte. Die Leonhardskirche hat sich in den vergangenen Jahrhunderten stets mit dem Quartier und mit der Stadt entwickelt. Und sie wird sich weiterentwickeln. Vermutlich weit über unsere persönliche Lebenszeit hinaus. Wer mit diesem Gebäude umgeht, hat die Pflicht, über sich und die persönlichen Interessen hinaus zu planen. Auch dafür steht dieses Kirchengebäude hier in der Stuttgarter City. Eines der wenigen, die diese historische Würde übrigens noch sichtbar machen. 

Die Leonhardskirche ist die zweitälteste Kirchengründung in Stuttgart. 1337 und auf freiem Feld und noch extra Muros und noch eine kleine Kapelle für Pilgerinnen und Pilger auf dem Jakobsweg. Die südliche Vorstadt entwickelte sich um diese Kirche herum. Noch immer trägt das Quartier den Namen des Schutzheiligen, dem diese Kapelle geweiht war: der Heilige Leonhard. Wir planen an der Leonhardsvorstadt.

 1473 wurde die Kirche erweitert: eine eindrucksvolle spätgotische dreischiffige Hallenkirche. Knapp ein halbes Jahrtausend später wurde sie im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs zerstört. Vor der Leonhardskirche bei der Kreuzigungsgruppe trafen sich die arbeitslosen Menschen in Stuttgart in den Trümmern, um Arbeit für einen Tageslohn zu finden. Warum eigentlich hier? Weil ein Gespür für den Geist dieses Ortes da war? Wir müssten Herrn Rittberger fragen. 1954 wurde die Kirche in ihrem heutigen Zustand wieder aufgebaut. Unter unglaublichen finanziellen Anstrengungen für die Nachkriegszeit. Im Detail ließe sich nacherzählen wie über sieben Jahrhunderte sich dieser Sakralraum mit dem Quartier entwickelt hat und umgekehrt wie dieser Sakralraum sich auf das Quartier und auf die Menschen ausgewirkt hat.

Was also passiert mit der Leonhardskirche?

Zuerst: Was ist bisher passiert? Es haben sich Arbeitsgruppen auf den Weg gemacht; eine Arbeitsgruppe, die sehr ambitioniert begonnen hat, die Zukunft der Leonhardskirche als diakonischen Ort weiter zu denken; die zukünftige Nutzung des Züblinparkhauses spielt für diese Arbeitsgruppe eine gewichtige Rolle; könnten dort Wohn- und Aufenhaltsangebote entstehen für Menschen mit Pflegebedarf und Behinderung? Es gibt eine weitere ebenso profilierte Arbeitsgruppe, die den Kulturaspekt – ebenfalls in Wechselwirkung mit dem Quartier und mit der Stadt denkt. Das Gustav-Siegle-Haus und seine Zukunft spielt hier eine Rolle: die Stuttgarter Philharmoniker, das Bix.

In beiden Arbeitsgruppen sind Expertinnen und Experten des öffentlichen Lebens vertreten; Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle, der Intendant der IBA Andreas Hofer, seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter; das Team des Amts für Stadtplanung und Wohnen. Und in beiden Arbeitsgruppen ist klar, dass dieser besondere Ort eine vielfältige Nutzung auch in Zukunft ermöglichen soll; an eine Umwidmung in einen rein säkularen Raum wie in vielen anderen Städten denkt in diesen

Arbeitsbereichen niemand. Hochschulen sind in diese Prozesse einbezogen: die Staatliche Akademie der Bildenden Künste, die Fachgruppe Architektur, die
Evangelische Hochschule Ludwigsburg, der Bereich Soziale Arbeit und Diakonie; in den kommenden Jahren wird es schon wegen der planerischen Vorläufe keine grundlegend sichtbaren Veränderungen geben; aber ich denke, es kann der Kirchengemeinde, der Kirche in Stuttgart, der Stadt nichts Besseres passieren, als sich gemeinsam auf den Weg zu machen.

So viel, meine ich, lässt sich aus heutiger Sicht sagen: Die Leonhardskirche soll kein Museum werden. Die Leonhardskirche soll auch keine weitere Markthalle oder dergleichen werden. Die Leonhardskirche soll ihr spirituelles, kulturelles und diakonisches Potenzial öffnen, vielleicht neu entdecken und erfahrbarmachen für die Menschen. Die Vesperkirche soll dort beheimatet bleiben. Die Leonhardskirche wird weiterhin ein Raum für Gottesdienste und Spiritualität bleiben – auch wenn sich hier vieles verändert. Es gibt Überlegungen, wie Kulturelles, Künstlerisches in Wechselwirkung mit den neuen Nachbarschaften sich entwickeln können. Es gibt Gespräche mit dem Bix, den Stuttgarter Philharmonikern.

Die Herausforderung für die Kirche ist groß, weil wir, wie Sie täglich in den Medien erfahren können, ebenfalls von einem gewaltigen Strukturwandel betroffen sind. Wir haben zu tun mit dem Verlust von Pfarrstellen. Im Dezember hat Pfarrer Christoph Doll die Pfarrstelle gewechselt; damit wurde die Pfarrstelle an der Leonhardskirche aufgehoben; die pfarramtlichen Aufgaben werden gegenwärtig vom Pfarramt der Hospitalkirche übernommen. Wohl gemerkt: die Leonhardsgemeinde als Körperschaft des öffentlichen Rechts existiert. Aber auch hier ist vieles im Fluss. Die nächsten Stellenkürzungen stehen vor der Tür. Wir haben als Kirche viele Hausaufgaben. Aber es wäre dramatisch, wenn wir sie ohne die Stadtgesellschaft, ohne Sie alle machen würden. Die Kirche ist auch Teil der Transformationsgesellschaf und muss ihre Rolle neu suchen und finden in Zug dieser Veränderungen. Und das ist gut so. Wie diese Gesellschaft aussehen wird, wissen wir noch nicht. Wir sehen täglich, wie fragil unser Zusammenleben ist; politisch – ökologisch – ökonomisch; und ganz besonders sozial.

Die nächsten, wichtigen Schritte sind, dass die Gesamtkirchengemeinde Stuttgart prüft, welche Sanierungs- und Veränderungsmöglichkeiten bei diesem bedeutenden denkmalgeschützten Gebäude überhaupt möglich sind. Wir wissen weiter, dass wir als Kirche an diesem Ort eine wirkliche Chance haben, die aktuelle Stadt- und Bauentwicklung im Quartier mitzugestalten; vielleicht wird die Leonhardskirche im Zuge der großen Baumaßnahmen, die unmittelbar vor uns liegen, eine Oase der Stille und des Atemholens auch für die Menschen, die hier planen und arbeiten und leben. Wir arbeiten an diesem Thema.

Es gibt viel Bereitschaft in der Kirche und auch in der Kirchengemeinde, uns mit auf den Weg zu machen in die neue Leonhardsvorstadt. Vieles müssen wir voneinander lernen und hören. Es gibt auch Ängste, die da sind und die wir gerne auch mit diesem Abend kleiner machen würden.

Danke, wenn wir alle uns dabei unterstützen. Kommen sie nachher an die Station, reden, diskutieren Sie mit uns. Wir suchen und sammeln ihre Ideen und freuen uns auf Sie.“



[1]
Arno Lederer, Lasst die Gotteshäuser einfach stehen. Wenn Kirchen aus dem
Stadtbild verschwinden, verschwindet auch der Glaube. In: ders. Drinnen ist
anders als draussen, S. 352, Berlin 2023.

Das Viertel soll noch grüner werden. Geplant sind 40 neue Bäume.

Forderungen an die Verwaltung

Das Viertel soll noch grüner werden. Geplant sind 40 neue Bäume.

Die Stadtteilvernetzer und das Forum Hospitalviertel haben einen gemeinsamen Forderungskatalog an die Stuttgarter Stadtverwaltung und den Stuttgarter Gemeinderat entworfen. Man ist ist sich einig, dass engagierte Menschen angemessene Bedingungen bei ihrer Arbeit in den Quartieren bei Nachbarschafts-/Stadtteilinitiativen brauchen. „Dazu brauchen wir eine Rahmenkonzeption und Fördergrundsätze, die Stadtteilinitiativen stärken und eine sichere Arbeitsgrundlage bieten“, sagen die Vorstände beider Vereine.

Die Stadt Stuttgart arbeitet derzeit an einer Rahmenkonzeption und an Fördergrundsätzen zur Sozialen Quartiersentwicklung in den Stuttgarter Bezirken und Stadtteilen. Seit zehn Jahren profilieren sich bei diesen Themen die Stadtteilvernetzer Stuttgart, ein Forum für Nachbarschafts-, Stadtteilinitiativen und die soziale Entwicklung. Sie bringen, wie der Name sagt, engagierte Menschen bezirks-, fach- und sektorenübergreifend in den Austausch, um Wissen zu teilen und gute Projekte bekannter zu machen.

Doppelt so lange kümmert sich bereits das Forum Hospitalviertel e. V. um das Zusammenleben und die Entwicklung im Quartier. Das Forum Hospitalviertel bündelt und vertritt die Interessen von Anwohnern, Gewerbetreibenden, Bildungs-, Kultur- und sozialen Einrichtungen im Hospitalviertel – und ist durch seine Arbeit für viele so etwas wie der soziale Kitt im Viertel.  

Sowohl die Statdteilvernetzer als auch das Forum Hospitalviertel sind der Ansicht, dass sich auch in Zukunft engagierte Menschen aus den Quartieren bei Nachbarschafts-/Stadtteilinitiativen einbringen müssen. Allerdings müssten die Bedingungen für diese Arbeit passen. „Dazu brauchen wir eine Rahmenkonzeption und Fördergrundsätze, die Stadtteilinitiativen stärken und eine sichere Arbeitsgrundlage bieten“, sagen die Vorstände beider Vereine.

In guter Tradition der bürgerschaftlichen und partizipatorischen wollen beide Vereine, dass an diesen Prozessen möglichst viele Stuttgarter mitmachen. Einen ersten Aufschlag gab es dazu am vergangenen Dienstag. Beide Vereine hatten zu einem Online-Treffen geladen, um einerseits über Stand der Rahmenkonzeption sowie die weitere Planung zu informieren. Denn der Gemeinderat hat die Verwaltung vor zwei Jahren beauftragt, Qualitätsstandards und Förderstandards für gesellschaftliches Engagement festzustellen.  

Forderungen an die Stadt

Unabhängig davon formulierten die Stadtteilvernetzer und das Forum Hospitalviertel einen gemeinsamen Forderungskatalog an die Stuttgarter Stadtverwaltung und den Stuttgarter Gemeinderat. Zusammengefasst lauten die wichtigsten Forderungen, die Brigitte Reiser von den Stadtteilvernetzern vorstellte:

·         Jeder Bezirk/jeder Stadtteil braucht unterschiedliche Orte für Begegnung, um die Gemeinschaftsbildung zu fördern.

·         Diese Begegnungsorte sollten möglichst im Nahraum liegen.

·         Die Bürgerhäuser sollten nach dem Vorbild des Generationenhaus Heslach ausgestattet sein

·         Zivilgesellschaftliche Gruppen müssen mit ihrer Expertise in ihrem Bereich ernst genommen werden

·         Die Teilhabe und Inklusion aller sollte gefördert werden

·         Die Förderung der sozialen Quartiersentwicklung muss durch Gendermainstreaming die besonders Bedarfe von Frauen berücksichtigen

·         Bezirksbeiräte brauchen für die Quartiersarbeit ein eigenes Budget

·         Förderanträge und Hilfestellungen aus der Verwaltung für das Ehrenamt sollten möglichst einfach und verständlich sein

·         Ehrenamt und Hauptamt soll auf Augenhöhe zusammenarbeiten

·         Durch die Stuttgarter Medienkrise brauchen (vor allem ältere) Menschen andere Zugangsformen zu Informationen. Daher sollte in den Stadtteilen aller Bezirke jeweils ein Monitor im Fenster einer zentralen Einrichtung stehen

Vereine brauchen Sicherheit

Noch tiefer in die Diskussion stiegen die beiden Forum-Vorstandsmitglieder Achim Weiler und Eberhard Schwarz ein. Denn aus Sicht der beiden ist Quartiersarbeit immer mehr als nur eine projektbezogene Arbeit sein. „So ein Quartier ist immer mehr als die Summe ihrer Teile“, meinte Schwarz, in einem Quartier könne immer auch ein Potenzial stecken, das über sich hinausweist. Insofern springe die städtische Impulsförderung manchmal zu kurz. In diesem Sinne fordert Schwarz eine Verstetigung von Förderungen.

Achim Weiler nahm diese Forderung bereits in seinem Statement, in dem er ausführlich die wertvolle Arbeit des Forums in den vergangenen 20 Jahren skizziert, auf. Alleine die Zeit zeige, dass der Verein Forum Hospitalviertel bei Themen der Identität, und der Vernetzung im Quartier „einen langen Atem und Haltung gezeigt hat“ – auch gegenüber der Verwaltung und der Politik. „In dieser Zeit haben wir unsere Moderations- und Beratungskompetenz bewiesen“, sagte Achim Weiler und erlaubte sich eine Notiz an die Adresse des Gemeinderats zu senden: „Zuletzt kämpften wir uns von Doppelhaushalt zu Doppelhaushalt. Daher wäre eine dauerhafte Förderung sehr wichtig.“ In diese Richtung argumentiert auch Eberhard Schwarz, dem es keineswegs um die Bewahrung von „Erbhöfen“ geht: „Es lähmt uns einfach, dass wir fast ein dreiviertel Jahr damit verbringen, die Argumente für eine weitere Förderung zu erarbeiten.“

Da kein Vertreter aus der Kommunalpolitik bei dieser Diskussion vertreten war, sprang Sabrina Pott von der städtischen Sozialplanung in die Bresche: „Die große Bedeutung der Quartiersarbeit wird von der Verwaltung gesehen. Man weiß, dass es eine nachhaltige Förderung braucht, auch wenn ein Sanierungsgebiet abgeschlossen ist. Und der Stadt ist auch klar, dass das Geld kostet.“        

Vorzeige-Projekt zur Müllvermeidung

Noch setzen zu wenig im Viertel auf die Mehrwegvariante beim Mittagessen.
Fruchtbare Diskussion im St. Agnes.

In einem einzigartigen Pilotprojekt zwischen dem St. Agnes und der im Hospitalviertel ansässigen Gastronomie sollen die Müllberge, die vor allem durch Einweg-Geschirr am Mittag verursacht werden, bald verschwunden sein.

Nach Angaben der Verbraucherzentrale Berlin produzieren die Bürger in Deutschland 770 Tonnen Verpackungsmüll pro Tag durch Mitnahme-Verpackungen für Speisen und Getränke. Das ist den Schülern und den Lehrern des St. Agnes Mädchen Gymnasium in Stuttgart eindeutig zu viel. Nicht zuletzt aus diesem Grund startete die Schule eine Umfrage unter Schülerinnen, um die Müllmenge zu ermitteln, die pro Schuljahr anfällt. Das Ergebnis zeigt, dass ungefähr die Hälfte der Schülerinnen außerhalb der Schule im Hospitalviertel zu Mittag essen. Und so produzieren die Eleven des St. Agnes allein durch das Mittagessen Müll von rund 16 300 Einwegverpackungen pro Schuljahr.

Wie lässt sich das Projekt lösen?

Wie also lässt sich dieser Müllberg vermeiden, fragten sich die Teilnehmerinnen der Nachhaltigkeits-Arbeitsgemeinschaft     des St Agnes Gymnasiums neben anderen wichtigen Fragen zur Müllvermeidung. Zum Beispiel: Gibt es im Hospitalviertel eine einheitliche Lösung für Mehrwegbehälter? Wie schafft man es, dass alle Menschen im Quartier Mehrwegbehälter nutzen? Und: Gibt es weitere Möglichkeiten, um das Müllaufkommen im Viertel zu reduzieren?

All diese Fragen diskutierten die Schülerinnen zusammen mit den Gastronomen des Viertels der Lokale Sausalitos, Heaven’s Kitchen, Elena‘s Coffee & Kitchen sowie der stellvertretenden Schulleiterin Susi Hartmann,  Lehrern und zwei Vertretern des Vereins Forum Hospitalviertel, Eleonore Bauer, Martin Haar und Achim Weiler, der eva, des Jugendhauses und des Seminars für Ausbildung und Fortbildung der Lehrkräfte an Gymnasien an einem Runden Tisch im St. Agnes Gymnasium.

Das größte Problem ist die Bequemlichkeit

Zum Hintergrund: Seit Januar 2023 sind Caterer, Lieferdienste und Restaurants eigentlich verpflichtet, ihren Kunden Mehrwegbehälter als Alternative zu Einwegverpackungen von Speisen zum Mitnehmen anzubieten. Doch bisher scheinen Konsumenten im Viertel dieses Angebot nur zögerlich zu nutzen. Die Gründe sind vielfältig. Da ist zum einen die Vielzahl an Mehrwegsystemen. Das Angebot der Pfandsysteme reicht von Rebowls über Recircle, Vytal bis hin zu Relevo. Das erschwere die Übersicht und die Umsetzung in der Praxis, glauben manche Gastronomen. Aber letztlich lasse sich die mangelnde Akzeptanz beim Verbraucher auf einen einzigen Grund reduzieren, wie auch die stellvertretende Schulleiterin des St. Agnes, Susi Hartmann, meint: „Bequemlichkeit.“ Dieses Problem lasse sich aus Sicht der Pädagogin entweder durch Information und Anreize oder durch Sanktionen lösen.

Am Ende einer zweistündigen Diskussion verständigte sich die Runde auf Anreize. Der Plan dazu lautet so: Die teilnehmenden Gastronomen im Viertel setzten nun auf das System Rebowl, mit dem auch das St. Agnes arbeitet. Die Schule verteilt an alle teilnehmenden Gastronomen jeweils ein Kontingent an Schüsseln. Die Schüler können dann dort gegen Vorlage eines Pfandkärtchens, das sie zuvor in der Schule erworben haben, ihr Essen zum Beispiel bei Elena’s Coffee & Kitchen in einem Rebowl-Gefäß kaufen. Der Wirt sammelt die St.-Agnes-Schüsseln und tauscht sie nach der Rückgabe in der Schule gegen gespülte Gefäße aus. Die Schülerinnen haben so die Wahl, ihre benutze Schüssel entweder in der Schule gegen ein Pfandkärtchen zurückzutauschen oder direkt beim Wirt.

Anreize statt Sanktionen

Kurzum: für die Schüler soll diese bequeme Abwicklung den Anreiz erhöhen, auf Mehrweggefäße umzusteigen. Die Gastronomen und das St. Agnes verständigte sich zudem auf eine Testphase bis Juli. Zudem ist das im Viertel ansässige Seminar für Ausbildung und Fortbildung der Lehrkräfte an Gymnasien stark daran interessiert, an diesem einzigartigen Pilotprojekt in der Stuttgarter City teilzunehmen. Mehr noch: Der Wirt von Elena’s Coffee & Kitchen will noch stärker an der Schraube „Anreiz“ drehen, indem er den Schülern über ein Rabattsystem einen Preisnachlass gewährt.

Vielleicht setzt sich so die Haltung in Sachen Müllvermeidung von Susi Hartmann bei allen im Hospitalviertel durch: „Ich gehe nie ohne mein Rebowl aus dem Haus.“ Sollte dies nicht nur im St. Agnes Schule machen, dürften die Müllberge im Hospitalviertel bald fast verschwunden sein.

Wie kann man noch Müll im Hospitalviertel vermeiden? Gibt es weitere gute Ideen? Schreiben sie uns per E-Mail unter haar@forum-hospitalviertel.de

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Wortschatz 2022

WortSCHATZ

ein Projekt von ShoShō im Mai und Juni 2022

Das Künstlerinnenduo “ShoShô” experimentiert im interdisziplinären Bereich zwischen Bildender Kunst und Musik. Der Name basiert auf der ostasiatischen Kalligraphie „Sho書” und der japanischen Mundorgel „Shō笙“. ShoShō sucht nach eigenen Wegen in der Entwicklung ihrer originären künstlerischen Disziplinen und deren Verbindung in zukunftsweisenden Formen.
Das Projekt „WortSCHATZ“ ist eine interaktive Kunstaktion zwischen Künstlerinnen und Menschen aller Altersgruppen und ein interdisziplinäres Projekt zwischen Musik und Kalligraphie.
In der alten Zeit in Japan sagte man, dass Wörter eine Seele bekommen und reale Ergebnisse erzeugen, wenn sie ausgesprochen werden. Durch dieses Projekt soll die Möglichkeit, durch bedacht gewählte Sprache Positives zu bewirken wieder ins Bewusstsein gebracht und an die Menschen weitergegeben werden.

Es sind zwei künstlerische Aktionen geplant:
Die erste Aktion findet am Freitag, den 20. Mai 2022 zwischen 9 und 19 Uhr auf dem Hospitalplatz und der Büchsenstraße statt. ShoShō befragt Passanten, sammelt von ihnen Begriffe, die sie sich als „positives Wort“ vorstellen und nimmt diese Interviews auf. Zwischen den Interviews gibt ShoShō eine 20 minütige Performance mit Klängen und Kalligraphie, wobei Junko Yamamoto die traditionelle japanische Mundorgel Shō spielt und Ichizu Hashimoto Kalligraphien aus den Wörtern macht. Die Kalligraphien werden auf dem Boden und zwischen den Bäumen auf dem Hospitalplatz präsentiert. Die Performance findet statt von 9:00-9:20, 13:00-13:20, 15:00-15:20, 17:00-17:20 und 19:00-19:20 Uhr. Es geschieht eine interkommunikative Auseinandersetzung mit dem Publikum, in der die inhaltlichen Komponenten für die zweite Aktion gemeinsam entdeckt und entwickelt werden.
Das performativ-installative Konzert findet am Montag, den 20. Juni 2022 um 19 Uhr in der Hospitalkirche statt. ShoShō verarbeitet, rekonstruiert und vertieft künstlerisch die in den Interviews gesammelten Worte für ihre Performance im Kirchenraum. Sie erscheinen visuell in Kalligraphie, live und als Installation, und klanglich durch Shō und elektronischen Klänge. Es schwingen die Worte als Resonanz im Dialog aus Kalligraphie und Musik. Das Publikum nimmt die Erfahrung mit und die positiven Wörter vibrieren und leben weiter an anderen Orten.
Eintritt frei
Vorherige Anmeldung erbeten unter: hospitalkirche-stuttgart@elkw.de oder info@forum-hospitalviertel.de
Kooperationspartner*innen: 

  

Gefördert durch: 

       

Dieses Projekt ist ein Teil des ProjektesHOSPITALITÉ– das Hospitalviertel in Stuttgart als Kunstbezirk“.